Im vergangenen Herbst hat Amazon gemeinsam mit Visa eine Kreditkarte für Primekunden aufgelegt (Foto: Landesbank Berlin)

Von der Kreditkarte über Händlerkredite bis zum Voice Checkout – Wie viel Bank steckt schon in Amazon?

Nach der Einführung von Amazon Pay als Alexa Skill rückt das US-Unternehmen mit einer neuen Kreditkarte auch in Deutschland weiter ins Geschäft mit Finanzdienstleistungen vor. Macht der Technologiekonzern Banken und Sparkassen möglicherweise bald überflüssig?

Die Schokokekse kommen genauso in die Tüte wie das Sandwich. Das sieht nach einem alltäglichen Einkauf aus. Doch dass hier nicht alles läuft wie gewohnt, wird spätestens am Supermarkt-Ausgang klar. Statt sich nämlich fürs Bezahlen anzustellen, geht es sofort zur Tür hinaus. Die patentierte „Just Walk Out”-Technologie – ein Zusammenspiel aus Sensoren, Machine Learning und biometrischen Daten – macht in den Amazon-Go-Läden die physische Kassenzone überflüssig. Eingecheckt wird mit der Smartphone-App, bezahlt übers Amazon-Konto. Was derzeit in einer Handvoll Läden in den USA möglich ist, soll laut Bloomberg bis 2021 auf 3.000 Shops ausgerollt werden.

Die „Just Walk Out“-Technologie ist nur eine von zahlreichen Entwicklungen Amazons im Finanzbereich. Seit mehr als einem Jahrzehnt investiert der E-Commerce-Konzern in die Infrastruktur von Bezahlvorgängen und Services. So vergibt Amazon Lending mit der Bank of America Merrill Lynch seit 2011 „Kredite auf Einladung“ an Händler in Amerika, Japan und Großbritannien. In den USA kooperiert das Unternehmen mit Visa bei einer speziellen Kreditkarte; in Deutschland ist das Angebot 2018 auf den Markt gekommen.

Alexa lernt bezahlen

Während die Kreditkarte sich an die Mitglieder des Abo-Services Prime richtet, ist der Zahlungsdienst Amazon Pay für alle zugänglich. 2007 als „Pay with Amazon“ gestartet, können hiermit auch Waren aus anderen Shops über das Amazon-Konto bezahlt werden. Letzteres wiederum greift auf die eigenen Bankdaten oder Kreditkarten zurück. Dem Kunden wird beim einzelnen Einkauf das mühsame Anlegen von Zahlungsinformationen erspart.

Damit ist das Potenzial für mehr Komfort und Schnelligkeit bei der Zahlungsabwicklung noch längst nicht erschöpft: „Alexa, buche mir nächsten Samstag einen Flug nach Salzburg.“ – „Soll ich eine Reiserücktrittsversicherung hinzufügen?“ – „Ja, suche mir Angebote heraus und bezahle über mein Amazon-Konto.“ Einen solchen Dialog könnten bald all jene führen, die eine Alexa-App auf dem Smartphone oder die Sprachassistenz via Lautsprecher Echo in ihrem Wohnzimmer haben. Von Letzterem sollen immerhin mehr als hundert Millionen Geräte verkauft worden sein, wie Amazon Anfang des Jahres 2019 verkündete. Mit dem neuen Skill könnte das Interesse noch steigen. Die Weichen dafür sind gestellt: Mitte 2018 wurde Amazon Pay in Alexa integriert – vorerst nur für Entwickler, doch der öffentliche Start wird nicht lange auf sich warten lassen.

„Anders als Apple und Google hat Amazon verstanden, dass das Problem nicht der Zahlungsverkehr, sondern der Check-Out-Prozess ist“, sagt Gökhan Öztürk, Partner der Financial Services Industrie bei der Strategieberatung Oliver Wyman. „Amazon kümmert sich nicht darum, mit welchem Endgerät man bezahlt, sondern dass man nicht Schlange stehen muss.“ Damit macht Jeff Bezos‘ Technologiekonzern genau das, was er am besten kann: aus Sicht des Kunden denken, die Prozesse einfacher und bequemer gestalten, um so schneller und gewinnbringender arbeiten zu können. „Your best“ nennt Gökhan Öztürk das kunden- wie serviceorientierte Prinzip, mit dem der ehemalige Online-Buchhändler schon zahlreiche Branchen eingenommen hat. Ist das Geschäft klassischer Finanzdienstleister als nächstes an der Reihe? Die Gerüchteküche brodelt seit Jahren und wird durch das Schweigen von Amazon weiter geschürt. An Spekulationen wolle man sich nicht beteiligen, heißt es auf Nachfrage beim Unternehmen.

Gökhan Öztürk von Oliver Wyman

Feuer für die Gerüchteküche

Umso mehr spekulieren andere: Erst Anfang 2018 berichtete das Wall Street Journal darüber, dass das Unternehmen mit JP Morgan an einem eigenen Girokonto arbeitet. Das Kundenpotenzial dafür wäre laut einer Umfrage der Unternehmensberatung Bain & Co. im September 2018 vorhanden. Zwei Drittel der befragten Amazon-Prime-Abonnenten aus den USA würden ein kostenloses Amazon Onlinekonto nutzen. Unter den Amazon-Kunden ohne Prime-Mitgliedschaft waren es immerhin 43 Prozent, und selbst 37 Prozent der Nicht-Amazon-Kunden unter den 6.000 Befragten können sich vorstellen, eine solche Dienstleistung des E-Commerce-Unternehmens in Anspruch zu nehmen. Vor allem in der Gruppe der 18- bis 34-Jährigen stieß ein Amazon-Konto bei 70 Prozent des Befragten auf Zuspruch. Dabei sei ein Online-Konto nur ein erster Schritt, analysierte Bain & Co., andere Finanzdienstleistungen wie Privatkredite und Investitionen könnten folgen. Angesichts der Tatsache, dass Amazon-Kunden etwa 75 Prozent des gesamten Haushaltsvermögen der USA kontrollieren, stufen die Unternehmensberater die Gefahr für etablierte Finanzhäuser durchaus als real ein. Nicht nur in Nordamerika.

„Increase the Core“

„Alle fragen, ob Amazon eine Banklizenz beantragt“, konstatiert Branchenkenner Gökhan Öztürk. „Das ist die falsche Frage. Amazon wird keine typische Bank.“ Die starken Regulierungen innerhalb der Branche und die nationale Ausrichtung des Zahlungsverkehrs wären für die aggressive Wachstumsstrategie des Technologiekonzerns kontraproduktiv. Abgesehen davon entspreche es nicht der Strategie des Unternehmens: „Amazons Ziel lautet: Increase the core“, sagt Öztürk. „Amazon definiert neue digitale Bankenprodukte, um das Kernprodukt – Amazon Prime – zu pushen.“ Als wahrscheinlicher gilt eine intensivere Zusammenarbeit mit klassischen Finanzdienstleistern und der Vertrieb ihrer Produkte über die eigenen Plattformen. Anders gesagt: Die Partnerbanken übernehmen die Verwaltung der Einlagen, Amazon sorgt für die Vergabe der Kredite und das Kundenerlebnis. Der Technologiekonzern könnte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Keine lähmenden Regulierungen, sehr wohl aber weitere Daten zu Einkommen und Ausgabeverhalten seiner Kunden.

Digitalisierungsstrategie: Reboot now!

„Versteht man das Bankengeschäft als Haus, sind die Daten sowie die entsprechende Infrastruktur das Fundament“, erklärt Gökhan Öztürk. Darum nennt der Bankenreport 2030 von Oliver Wyman globale Technologiekonzerne wie Amazon die „womöglich bedeutendste Wettbewerbsgruppe für deutsche Banken“. „Als Bank weiß man heute ganz genau, dass die Big Techs im Datenbereich und der IT-Infrastruktur die Nase vorn haben. Sie können skalieren, auswerten, Produkte vermitteln. Für Banken hingegen ist das derzeit noch sehr teuer.“

Zwar würden die deutschen Top 50 Privat- und Firmenkundenbanken eigenen Angaben zufolge bis 2020 zwischen sechs bis acht Milliarden Euro für Digitalisierungsinitiativen ausgeben. Doch bringen diese Investitionen nur geringen Erfolg, wie der Report zeigt: 75 Prozent aller untersuchten Banken stimmen ihre Initiativen nur unzureichend mit der Gesamtstrategie ab. Es fehle eine „digitale Vision“, lautet das Fazit der Experten. Die Digitalisierungsinitiativen erfolgten oftmals unsystematisch.

Nach Meinung der Berater von Oliver Wyman ist ein sofortiger Reboot notwendig, um die Innovationskraft der Banken zu erhöhen. „Statt die komplette Bank zu digitalisieren, haben die Banken die Möglichkeit, parallel neue digitale Plattformen zu launchen“, verrät Gökhan Öztürk schon vorab eine Empfehlung aus dem „State of Financial Services Report 2019“, der beim World Economic Forum in Davos Ende Januar 2019 präsentiert wird. „Auf diesen digitalen Plattformen können sie Fintech-Produkte übernehmen, aktuellste Technologie nutzen und Kunden schnell sowie kostengünstig beliefern.“ Insbesondere bei Produkten und Services, die deutlich über das bestehende Bankenportfolio hinausgehen – sogenannten „Beyond-Banking“-Angeboten – bieten neue Plattformen eine echte Chance, sich gegen den neuen Wettbewerb zu behaupten.

Banken setzen auf Beratung

„Natürlich wird es auch im Bankensektor Veränderungen geben und nicht jede Bank wird zu den Gewinnern zählen. Doch die Branche insgesamt wird die Digitalisierung erfolgreich stemmen“, glaubt Thomas Schlüter vom Bundesverband deutscher Banken. Amazon und Co. mögen zwar technologisch im Vorteil sein, doch die eingesessenen Häuser könnten andernorts punkten: „Die Banken sind sehr nah dran an ihren Kunden. Dieses Kapital ist von unschätzbarem Wert, denn auch im digitalen Zeitalter ist die persönliche Beratung weiter gefragt.“ Bestätigt sieht er diese Auffassung durch die Ergebnisse der regelmäßigen repräsentativen Umfrage, die die GfK im Auftrag des Bundesverbandes durchführt. „Die Deutschen vertrauen den Banken insbesondere beim Umgang mit ihren Daten“, erklärt Schlüter. „Sechs von zehn Deutschen sind der Meinung, dass Kundendaten vor dem Zugriff Dritter bei den Banken gut geschützt sind. Nur jeder zehnte glaubt, dass dies bei Facebook, Amazon oder Google der Fall ist. Würden letztgenannte in Deutschland Bankdienstleistungen anbieten, wären nur drei Prozent bereit zu wechseln.“

Kernfrage Kundenschnittstelle

„Für den deutschen Kunden sind zwei Punkte aus Vertrauenssicht relevant: Wo liegt das Geld, und wo liegen die Daten“, bestätigt Gökhan Öztürk. Um diesen Vertrauensvorteil der Banken gegenüber den Technologiekonzernen wie Amazon zu verteidigen, ist für ihn die Frage nach der Kundenschnittstelle entscheidend. „Banken müssen alles tun, um diese Kundenschnittstelle zu behalten“, betont der Experte. Damit allein sei es allerdings nicht getan. Die Digitalisierung verändere die Erwartungshaltung der Kunden. Speziell die Jüngeren wünschen sich einfachere, unkompliziertere und flexiblere Bankgeschäfte. „Das, was Amazon und Co. schon lange bieten“, sagt Gökhan Öztürk – und die neuen Banken ebenso.

Die Technologiekonzerne sind nämlich nicht die Einzigen, die Schwachstellen bei den bisherigen Anbietern offenlegen: „Mit der Einführung der europäischen Finanzrichtlinie PSD2 und den daraus entstehenden Neo-Banken werden Abläufe transparenter“, sagt der Leiter des Frankfurter Büros von Oliver Wyman. Der Kunde merkt: Meine Bank bietet mir nicht an, was das Beste für mich ist, sondern das, was für die Bank am besten ist. Kunden jedoch erwarten von ihrer Bank, dass ihnen das Beste auf dem Markt verfügbare Produkt angeboten wird. Branchenkenner Öztürk empfiehlt den Bank deswegen den Einsatz künstlicher Intelligenz: Durch Algorithmen können Muster erkannt und dem Kunden Antworten auf Fragen geben werden, die er noch gar nicht gestellt hat. „Banken, die heute anfangen, die komplette Wertschöpfungskette auf künstlicher Intelligenz aufzubauen, können sich differenzieren“, meint der Experte und fügt hinzu: „Künstliche Intelligenz ist die einzige Chance für Banken, sich gegen Big-Tech-Unternehmen zu verteidigen und ihre Position am Markt zu behaupten.“