Tech-Investor Eran Davidson (Bild: PR)

Der einsame Kampf des Eran Davidson

Investor Eran Davidson wollte Venture Debt schon vor einem halben Jahrzehnt in Startup-Deutschland etablieren. Es ist ihm bis heute nicht gelungen. Mit einem neuen Fonds versucht er einen zweiten Anlauf.

Eigentlich könnte Eran Davidson gerade ganz happy sein. Wie der in Israel geborene Tech-Investor Finance Forward exklusiv bestätigt, hat er gerade 50 Millionen Euro in einem First Closing für seinen zweiten Fonds eingesammelt.

Er wird sie in europäische Startups investieren und dabei auf sogenanntes Venture Debt setzen: Kredite mit vergleichsweise hohen Zinsen, für die die Gründer und Bestandsinvestoren allerdings auch nicht ihre Anteile verwässern müssen, weil sie – anders als frisches Eigenkapital – nichts an der Eigentümerstruktur ändern. In den USA ist Venture Debt üblich und etabliert, in Deutschland steckt der Markt noch in den Kinderschuhen.

Und das ist auch einer der Gründe, warum Davidson derzeit überhaupt nicht glücklich ist. Er ist sogar ziemlich stinkig. Er ärgert sich über die deutsche Startup- und Investorenszene, die ihn aus seiner Sicht ins Abseits stellt. Und über die deutsche Politik, die in ihrem Startup-Rettungsprogramm auf Venture Capital setzt, aber nicht auf Venture Debt, was aber gerade in der Krise seine Vorteile ausspielen würde.

Als Davidson 2015 nach seinem Ausstieg beim bekannten Startup-VC Hasso Plattner Ventures mit dem Davidson Technology Growth Debt Fund in Berlin startet, ist das der erste in Deutschland ansässige und bei der Bafin registrierte Venture-Debt-Fonds – und er ist es bis heute geblieben. Zwar vergeben inzwischen ein gutes Dutzend Anbieter Kredite an deutsche Startups, darunter prominente Vertreter wie die Londoner Investmentfirma Kreos oder das US-Institut Silicon Valley Bank. Aber sie operieren allesamt von ihren ausländischen Stammsitzen aus – in Deutschland selbst sitzt noch immer nur Davidsons Fonds.

Der deutsche Markt steckt noch immer in den Kinderschuhen

Während in den USA Venture Debt nach Schätzungen zwischen zehn und 15 Prozent der Finanzierungsvolumina für Startups ausmachen, dürften es in Deutschland höchstens zwei oder drei Prozent sein. „Ich renne mit Venture Debt in Deutschland gegen eine Mauer“, klagt Davidson. „Das wächst alles so langsam, dass es langsam ermüdend und frustrierend ist. Deutschland ist der schwierigste Markt – und es gibt keinen guten Grund dafür.“ Aufgeben aber will er nicht, stattdessen seinen Kampf fortsetzen, „den Markt zu erziehen und Venture Debt als legitime, große und beliebte Asset-Klasse in Deutschland zu positionieren“.

Davidson glaubt, dass aktuell um die 200 Firmen in Deutschland für das Finanzierungsinstrument in Frage kämen. Venture Debt ist für Tech-Wachstumsunternehmen gedacht, deren Gründer und Investoren für die nächste Kapitalspritze die Anteile nicht weiter verwässern wollen. Zu den bekannteren Startup-Beispielen, die das Instrument erfolgreich eingesetzt haben, zählen GoEuro, Delivery Hero oder Wefox.

In der Regel nutzen die Firmen Venture Debt, um die Zeit bis zur nächsten Eigenkapitalfinanzierung zu überbrücken. Sie zahlen dafür um die zehn Prozent Zinsen – was im Vergleich zu Bankkrediten hoch ist. Aber Kreditgeber wie Davidson argumentieren, dass sie bei Startups ein erhöhtes Risiko eingehen – und gleichzeitig bei weitem nicht auf so gute Returns hoffen dürfen wie VCs, die im im Exitfall ihren Einsatz auch mal verfünf- oder verzehnfachen. Die Venture-Debt-Firmen sichern sich zusätzlich ab, etwa mit der Option, beim Eintritt bestimmter Ereignisse ihr Geld zurückzufordern oder mit dem priorisierten Zugriff auf Vermögenswerte oder geistiges Eigentum (IP) im Fall einer Insolvenz.

Wegen dieser Modalitäten gilt Davidsons Finanzierungsinstrument bei vielen Startups und Investoren als anrüchig. „Man nennt uns angsteinflößend, weil wir im Zweifel Zugriff auf die IP bekommen, aber wir brauchen das als Sicherheit für die Kredite“, sagt Davidson. „Internationale VCs akzeptieren es auch. Aber die deutschen, insbesondere die jungen, wollen es nicht verstehen.“

Auf die deutsche VC-Szene ist Davidson nicht gut zu sprechen. „Die deutschen VCs haben teilweise keine Ahnung, was in ihren Unternehmen los ist. Sie lassen ihre Gründer zu schnell zu viel Geld verbrennen.“ Die wichtigste Bedingung, damit Venture Debt funktionieren könne, sei, „dass man den Kredit aus den Einnahmen zurückzahlen kann, unabhängig von der nächsten Eigenkapitalfinanzierung“. Aber viele deutsche VCs würden ihn nur dann anrufen, „wenn die Situation düster ist. Das ist kein gutes Gefühl.“

Wenn er auftaucht, läuft es schlecht – so wird gelästert

Tatsächlich wird in Investorenkreisen über den Venture-Debt-Pionier gelästert: Wenn Davidson auftauche, dann sei das das Signal für den Markt, dass es schon sehr schlecht laufe in einem Unternehmen. Das hat auch mit Beispielen wie dem von Move24 zu tun. Als das Umzugsstartup 2018 Insolvenz anmelden musste, wurde Davidson dafür verantwortlich gemacht, weil er in einer Krisenphase der Firma seinen Kredit zurückforderte. Davidson selbst betont, er habe beim späteren Verkauf an Konkurrent Movinga eine wichtige Rolle gespielt. „Wir wissen, wie man mit schwierigen Situationen umgeht.“

Mit seinem ersten Fonds hat Davidson Geld an knapp zehn Firmen verteilt (darunter Soundcloud, Monoqi, Wefox oder Book A Tiger), zwischen drei und zehn Millionen Euro flossen jeweils. Am Laufzeitende soll ein Cash-on-Cash-Return von 1,5x stehen. Ein Ergebnis ungefähr in der Höhe verspricht Davidson auch den Geldgebern seines zweiten Fonds. 50 Millionen Euro hat er im First Closing zusammenbekommen, 100 Millionen werden insgesamt anvisiert. Als neuer zusätzlicher Managing Partner unterstützt ihn der Ex-Detecon-CEO Heinrich Arnold, der bislang im Beirat saß und nun operativ tätig werden soll.

Dass Davidson es mit dem zweiten Fonds nun noch einmal versucht, Venture Debt in Deutschland endlich großzumachen, liegt auch an der Corona-Epidemie. „Ich glaube, dass die Krise das Thema Venture Debt noch einmal höher auf die Agenda setzen wird.“ Weil bei den Kreditfinanzierungen keine aufwändigen Neubewertungen der Unternehmen nötig sei, seien sie ideal für die aktuelle Phase.

Und Davidson registriert einen erhöhten Bedarf: „Viele der Unternehmen, die letztes Jahr nicht mit uns reden wollen, kommen nun an – viele werden ihr Kapital Ende 2020 aufgebraucht haben. Wir können aber nur fünf Deals von bis zu fünf Millionen Euro pro Jahr machen.“ Er könnte die Zahl verdreifachen, sagt Davidson – dafür bräuchte er aber die Hilfe der Regierung.

Kämpfte der Startup-Verband vor allem für VCs?

Das im Frühjahr verabschiedete, zwei Milliarden Euro starke Hilfspaket für die Startupszene aber richtet sich entweder nur direkt an Gründer oder an VCs. „Wir wurden davon ausgeschlossen, obwohl wir unsere Hilfe schnell angeboten haben“, klagt Davidson. „Und niemand hat mir gesagt, warum.“ Seit der heutige Gesundheitsminister Jens Spahn nicht mehr als Staatssekretär im Finanzministerium arbeite, fehle ein Ansprechpartner für das Thema – und jemand, der es verstehe.

Wahrscheinlich ist, dass der angekratzte Ruf von Venture Debt bei der Nichtberücksichtigung eine Rolle gespielt hat, und die Tatsache, dass der Markt hierzulande noch immer so klein ist (und Davidson der einzige Anbieter aus Deutschland). Im seinem Umfeld wird auch darauf verwiesen, dass der Startup-Verband als lautstarker Vorkämpfer für das Zwei-Milliarden-Paket mit Christian Miele einen VC-Vertreter an der Spitze habe. Und die Interessenlage von VCs, Venture-Debt-Anbietern (und auch Gründern) seien nun mal nicht deckungsgleich.

Aber Davidson gibt noch nicht auf. Koordiniert von Managing Partner Heinrich Arnold wirbt nun eine „Initiative Venture Debt für Deutsche Scale-Ups“ dafür, dass der Bund eine 50:50-Risikogarantie für Debtfinanzierungen übernehmen soll. „Diese Garantie würde massiv private Mittel für [Wachstumsfirmen] mobilisieren und wertsteigernd für den Bund wirken“, heißt es in einer Präsentation der Initiative. Unterzeichnet haben die Forderung mehr als 80 Manager und Innovationsforscher. Vertreter der Initiative sind in Gesprächen mit Beamten des Wirtschafts- und Finanzministeriums, Anzeichen für echten Fortschritt gebe es aber noch nicht, heißt es. Davidson hofft noch. Aber er macht auch noch einmal seinem Ärger Luft: „Da läuft etwas total falsch.“

Daily FFWD Newsletter

In unserem Newsletter liefern wir von Montag bis Freitag jeden Morgen exklusive News, Analysen und Interviews aus der neuen Finanzwelt. Um den Newsletter zu erhalten, einfach Mailadresse und Namen eintragen: