Berlin gilt unter den deutschen Fintechs immer noch als Place-to-be (Bild: Claudio Schwarz/Unsplash)

Zu schnell zu groß? Die Mitarbeiter-Zahlen deutscher Neobanken

Wenn Berlins Fintechs dieser Tage überlegen, ihre Belegschaften zu reduzieren – dann auch, weil sie diese Belegschaften über die zurückliegenden ein, zwei Jahre rasant ausgebaut haben. Zu rasant?

117 namhafte deutsche Finanz-Startups beschäftigen laut einer Auswertung von Finanz-Szene und Finance Forward rund 16.000 Mitarbeiter – und das sind nur die, die sich über ihre Linkedin-Profile identifizieren lassen. Grund genug, dem Phänomen in einer mehrteiligen Serie auf den Grund zu gehen. Heute Teil eins: die Neobanken und Multibanking-Startups (deren Beschäftigte zusammen rund 18 Prozent des deutschen Fintech-Sektors ausmachen).

Mancher N26-Challenger verdoppelte zuletzt die Belegschaft

Für die deutschen Neobanken war die Himmelfahrtswoche keine Woche der großen Freude: Erst kündigte das auf Selbstständige spezialisierte Fintech Kontist an, seine Belegschaft um ein Viertel zu reduzieren. Nur einen Tag später gab das Krypto-Banking-Fintech Nuri eine Entlassungsrunde bekannt, dort muss jeder fünfte Beschäftigte gehen. Die Begründungen reichten von einer Neuausrichtung des Produkts (bei Kontist) bis hin zur allgemeinen Vorsicht der Investoren im aktuellen Marktumfeld (bei Nuri).

Ein Blick auf das Mitarbeiterwachstum der N26-Konkurrenz zeigt: Nicht nur Nuri und Kontist hatten ihre Mitarbeiterzahl in den vergangenen zwei Jahren mehr als verdoppelt (unsere Datenerhebung bezieht sich auf Mai 2020 bis April 2022). Auch andere Neobanken haben ihr Personal kräftig aufgestockt – und das in einem Arbeitnehmermarkt, in dem Kandidaten mit der entsprechenden Erfahrung durchaus üppige Gehälter fordern konnten.

Bei Vivid Money stieg die Zahl der mehr Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen um 188 Prozent (auch wenn das Wachstum hier seit einigen Monaten erkennbar abflacht). Auch der Check24-Ableger C24 Bank und die Hamburger Nachhaltigkeits-Bank Tomorrow verzeichneten Wachstumsraten von über 100 Prozent und haben mittlerweile mehr als 100 Mitarbeiter absolut. In so einem Umfeld muteten die zweistelligen Wachstumsraten des KMU-Spezialisten Penta fast schon zurückhaltend an. Der Rückgang bei der islamkonformen Neobank Insha fällt derweil völlig aus dem Marktbild.


N26 steht jetzt grob da, wo man vor Corona auch stand

Bei aller Umtriebigkeit der Konkurrenz hat N26 immer noch so viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie seine Herausforderer aus der Nische zusammen. Und wenn die allgemein ausgerufene "Zeitenwende" nun die Abkehr vom krassen Wachstum hin zur Profitabilität nach sich zieht, stellt sich durchaus die Frage, ob N26 personalseitig künftig a) überhaupt noch wachsen will und b) ob der Marktführer überhaupt noch so viel weiter wachsen kann?

Im Vergleich zu April 2021 ist die Beschäftigtenzahl bei der größten deutschen Neobank bis zum April dieses Jahres zwar um 25 Prozent gestiegen. Damit ist N26 jetzt allerdings ungefähr so weit, wie man es vor der Pandemie schon einmal war. Auf der Höhe ihres Personalexodus hatte die Berliner Neobank rund 300 Beschäftigte eingebüßt.

Tatsächlich scheint sich das Management um Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal aktuell mehr auf punktuelle Verstärkungen zu konzentrieren, siehe etwa zuletzt die Verpflichtung von Jan Stechele (Ex-Creditshelf, Ex-BayernLB – siehe hier). Immerhin hat N26 aktuell nicht vor, die Belegschaft zu verkleinern. Auf Anfrage heißt es: "Wir werden auch weiterhin strategisch in das Wachstum unseres Teams investieren, wobei der Fokus auf den Bereichen Produkt, Technologie, Compliance und Prävention von Finanzkriminalität liegt." Dazu passt auch, dass die Stelle des Personalchefs jetzt wieder dauerhaft besetzt ist, nämlich mit Eigengewächs Timo Meyer.

Gleichwohl: Die Zeiten, in denen N26 und andere Banking-Fintechs "mit Leuten nach Problemen schmeißen" (wie es mancher Recruiter gerne ausdrückt), könnten fürs Erste vorbei sein.


Weitere Datenpunkte von TEO-App bis GenZ-Banking

- Bei Comeco, der Betreibergesellschaft hinter der Sparda-Banking-App TEO, flachte das Wachstum zuletzt ab – auch wenn die Steigerungen absolut (93 Mitarbeiter) wie relativ (+22 Prozent seit April 2020) immer noch beachtlich waren (wiewohl teuer finanziert, siehe -> Aufbau des TEO-App-Projekts hat 63 Millionen gekostet)

- Die gerade erst gestartete GenZ-Banking-App Owwn (vormals Wajve) kommt bereits auf eine ähnliche Organisationsgröße wie der Multibanking-Anbieter Finanzguru (Dwins), der 2015 gegründet wurde.

Hier die Beschäftigtenzahlen (Stand April 2022) der Neobanken und Multibanking-Fintechs im Überblick:

Unternehmen Beschäftigte insgesamt Beschäftigungsdauer (Median) Wachstum über 1 Jahr* Wachstum über 2 Jahre*
N26 1625 1,8 25 % 3 %
Vivid money 305 1,2 31 % 188 %
Insha 213 4,5 -2 % -7 %
Penta 206 1,1 42 % 75 %
Nuri 165 1 65 % 121 %
Kontist 141 1,1 60 % 110 %
Tomorrow 108 1,3 38 % 120 %
C24 Bank 101 1,5 25 % 124 %
Comeco 93 2,3 16 % 22 %
Owwn (ehem. Wajve) 33 0,6 120 % 725 %
Finanzguru (Dwins) 31 0,8 63 % 72 %
Volders 27 n/a n/a n/a
Cure Digital Finance GmbH 15 n/a n/a n/a

Quelle: Eigene Recherchen auf Basis von Linkedin


*Nettowachstum, Zu- und Abflüsse saldiert

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