In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl umlaufender Maestro-Karten weltweit um 40 Prozent gesunken, der klassischer Mastercards um 52 Prozent gestiegen (Bild: imago/Rainer Unkel)

Hinweise auf Maestro-Aus: Zieht Mastercard die nukleare Option?

Kreditkartenanbieter Mastercard will offenbar das Angebot der Maestro-Karte in Deutschland beenden, so heißt es in Finanzkreisen. Was steckt dahinter?

Es war eine Meldung rein für die Nerds. So zumindest schien es. Mitte August kündigte Mastercard in einem Blogpost an, bei seinen Bezahlkarten den Magnetstreifen abschaffen zu wollen. Für die Nicht-Nerds: Der Magnetstreifen ist ein Kind der 1960er-Jahre, es handelte sich um die erste Technologie, die das Auslesen von Kredit- und Debitkarten via Terminal erlaubte. Ende der 90er-Jahre kamen dann jedoch die EMV-Chips auf, und der Anteil magnetstreifen-basierter Zahlungen begann zu sinken, bei Mastercard zum Beispiel auf heutzutage nur noch 14 Prozent. Mithin, wie gesagt: Wenn der Magnetstreifen nun endgültig abgeschafft wird, dann ist das offenbar (offenbar!) nur für die Nerds von Interesse.

Tatsächlich allerdings könnte der vermeintlich harmlose Blogpost im Zusammenhang mit einem ungleich brisanteren Vorhaben stehen. In Finanzkreisen heißt es nämlich seit einigen Tagen, Mastercard wolle im deutschen Markt die Maestro-Karte – genauer: das Co-Branding mit dem Maestro-System – auslaufen lassen. Auch ein Zeitpunkt kursiert bereits, wie zwei Insider gegenüber Finanz-Szene.de bestätigen: 2024. Erste Banken seien bereits informell in Kenntnis gesetzt, heißt es. Schon im Oktober oder November könnte der Beschluss offiziell werden.

Nun müssen wir hinzufügen: Mastercard will sich zu all dem auf unsere Anfrage hin nicht äußern. Und: Insider wollen nicht ausschließen, dass es sich auch um ein Drohszenario handeln könnten, das die Amerikaner da gerade aufbauen. Sollte sich allerdings bestätigen, dass das Maestro-Co-Branding in Deutschland endet (was gleichzeitig ein Signal auch für VPay bei Visa wäre) – dann wäre das ein Hammer, der eine Reihe hochbrisanter Fragen impliziert. Etwa: Was heißt das für die Girocard? Und was für das von den deutschen Banken initiierte Megaprojekt „European Payments Initiative“ (EPI).  Doch der Reihe nach.

Wie von Finanz-Szene in den vergangenen Jahren ausführlich beleuchtet, versucht Mastercard seit zwei, drei Jahren mit einem enormen Einsatz von Ressourcen, neben der klassischen Kreditkarte auch die hauseigene Debitkarte in den deutschen Markt zu drücken – und Visa tut es genauso.

Tatsächlich verbreiten sich die Debitkarten von Mastercard und Visa auf den ersten Blick rasant.  Bereits 17 der 30 größten Banken haben bereits eine der beiden Karten in ihrem Angebot, zeigen Recherchen von Finanz-Szene.de (siehe unseren Deep Dive -> Die acht Pricing-Strategien im Kartengeschäft deutscher Banken). Und: Manche Institute haben die Debitkarten der beiden großen Payment-Schemes sogar schon zur Hauptkarte gemacht oder haben sie sogar zur Hauptkarte, und zwar nicht nur Neobanken wie N26 oder die C24 Bank, sondern beispielsweise auch die Comdirect (siehe hier), die OLB (siehe hier) und perspektivisch auch die DKB (siehe hier).

Gleichwohl: Im deutschen Einzelhandel spielen die Debitkarten von Mastercard und Visa offiziellen Daten zufolge bislang kaum eine Rolle. Auf gerade einmal 0,9 Prozent schätzt etwa der Einzelhandelsverband zum Beispiel den Anteil der Mastercard Debit an allen Kartenumsätzen am stationären Point of Sale – verglichen mit 44 Prozent für die Girocard, also für die traditionelle Debit-Lösung der deutschen Kreditwirtschaft.

Aus Kundensicht ist dieses Verhältnis leicht erklärbar. Zwar ist die Girocard nicht online-fähig. Im stationären Einzelhandel allerdings funktioniert sie tadellos, die Akzeptanz liegt (mal abgesehen von Geschäften oder Restaurants, die gar keine Kartenzahlung ermöglichen) bei quasi 100 Prozent.

Und: Es heißt zwar immer, im Ausland werde die Girocard nicht akzeptiert. Was aber natürlich nur streng genommen richtig ist. Der Kunde nimmt es anders wahr. Denn mit entsprechender V-Pay- (von Visa) oder Maesto-Funktion (von Mastercard) lässt sich im Ausland de facto ja sehr wohl mit der Girocard bezahlen. Übrigens auch, weil es auf der Maestro-Card ja immer noch (siehe ganz oben) den Magnetstreifen gibt, der in Deutschland kaum noch von Bedeutung ist – aber an manchen ausländischen Akzeptanzstellen immer noch als Back-up dient und in den USA gar oft die einzige Auslesemöglichkeit ist.

Doch den Magnetstreifen will Mastercard ja Stück für Stück jetzt abschaffen. Und die Maestro-Karte (und damit die Maestro-Funktion auf der Girocard) ja unseren Quellen zufolge auch. Zumindest in Deutschland (nachdem der Schritt in Ländern wie Großbritannien bereits vollzogen wurde oder ein Tausch von Maestro in Debitkarten läuft, etwa in Belgien, Österreich oder der Schweiz). Und dann?

Es gibt zwei Perspektiven auf das mutmaßliche Maestro-Aus: Global betrachtet erscheint die Karte schon länger als Auslaufmodel. In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl umlaufender Maestro-Karten weltweit um 40 Prozent gesunken, der klassischer Mastercards um 52 Prozent gestiegen.

in Mio. 2016 2021 Veränderung
Maestro 672 404 – 40%
Mastercard 1611 2449 + 52%
Maestro-Anteil 29% 14%

Quelle: Mastercard Quartalsberichte

Maestro muss aktuell unterhalten werden als System, aber nur noch jede siebte umlaufende Karte von Mastercard ist eine Maestro. Ein teures Nischenprodukt.

Es gibt allerdings auch die spezifisch deutsche Perspektive: Sobald Mastercard das Maestro-System in Deutschland abschafft, endet die Einsatzfähigkeit der Girocard im Ausland. Krawumm! Dazu muss man wissen: Rund 100 Millionen Girokarten sind hierzulande im Umlauf. Sie ist das Massenprodukt schlechthin im deutschen Bezahlmarkt. Doch was, wenn die Girocard nun einer für viele Kunden sehr wichtigen Funktion beraubt wird (zumal Marktkenner sagen, sobald Mastercard Maestro abschafft, werde es nicht lange dauern, bis Visa mit V-Pay das gleiche tut)?

Anders gesagt: Kann es sein, dass das mutmaßliche Maestro-Aus nicht nur einem globalen Fahrplan folgt? Sondern dass hier ganz bewusst die sozusagen nukleare Option im deutschen Markt gezogen wird? Um die eigene Debitkarte noch brutaler durchzudrücken und der Girocard den Garaus zu machen?

Ohne Maestro (und V-Pay) hätten die beiden globalem Schemes jedenfalls gewichtige Gründe, um noch mehr Banken (und vor allem Kunden) von den hauseigenen Debitkarten-Lösungen zu überzeugen. Zumal diese ja im Prinzip überall und auch online einsetzbar sind – außer an einigen wenigen „Girocard-only“-Akzeptanzstellen in Deutschland. Und welche anderen Optionen würden der hiesigen Kreditwirtschaft dann überhaupt noch bleiben?

Drei Szenarien sind denkbar:

1. Die hiesigen Banken ergebe sich Visa und Mastercard und führen flächendeckend deren Debitkarten ein – als „Top of Wallet“-Produkt oder wenigstens Zweitkarte. Das würde ihnen seitens Visa und Mastercard kurzfristig finanziell versüßt, langfristig würde sich die deutsche Kreditwirtschaft den beiden Weltkonzernen endgültig ausliefern. Die Girocard? Würde zwar nicht verschwinden. Aber zu einer rein nationalen Karte verkommen, die der Kunde allenfalls noch aus Gewohnheit einsetzt, mit perspektivisch sinkendem Marktanteil.

2. Die Banken rüsten die Girocard für das Post-Maestro-Zeitalter, machen sie konsequent online- und auslandsfähig. Das ginge beispielsweise über Co-Badge-Lösungen (wo dann nicht „Maestro“ das Co-Badge wäre, sondern die Mastercard Debit …). Im Sparkassen-Sektor laufen entsprechende Experimente (siehe unseren Scoop aus dem März 2020), allerdings ziehen bislang erst rund 20 Institute hierbei mit.

3. Die deutschen (und weitere europäische) Banken ringen sich tatsächlich dazu durch, die European Payments Initiative (EPI) mit Milliardenbeträgen zu funden. So war es ja geplant. Aber der endgültige Beschluss ist immer noch nicht gefallen. Die European Payments Initiative mit bankeneigenen, quasi europaweiten Debit-Akzeptanzstellen wäre die Auflehnung gegen die Weltherrschaft von Mastercard und Visa (hier unser entsprechender Podcast mit EPI-Chefin Martina Weimert) – allerdings: Dann sollte EPI tunlichst bis Ende 2024 (wenn Maestro mutmaßlich ausläuft) einsatzbereit sein. Und hinzukommt: Selbst wenn EPI tatsächlich gefundet wird und tatsächlich binnen drei Jahren startet, heißt da ja noch nicht automatisch, dass der Kunde EPI auch wirklich annimmt.

Gerade den letztgenannten Punkte dürfte auch Mastercard im Sinn haben – den Handlungsdruck auf die Banken deutlich zu erhöhen. Denn mutmaßlich dürften die Banken den Kunden keine zwei Komplettwechsel zumuten, also von den bisherigen Lösungen auf eine Debitkarte und anschließend zu einem EPI-System. Folglich gilt: Je rascher Mastercard mit der eigenen Debit in die Portfolios vorstößt, desto wahrscheinlicher, dass sich viele Banken dem schlicht fügen würden.


Tägliche Fintech-News in Dein Postfach!