Amazon-Lager in Deutschland (Bild: IMAGO / Jan Huebner)

Landesbank Berlin verliert Amazon-Deal

Exklusiv: Rund eine Million deutsche Amazon-Kunden haben sich in den vergangenen Jahren eine Kreditkarte des Online-Händlers geholt. Im Hintergrund stand die sparkasseneigene Landesbank Berlin. Nun soll mit dem Vorzeige-Projekt Schluss sein – warum?

Es war ein Prestige-Projekt. Eine deutsche Sparkasse als Partner von Amazon. Jahrelang emittierte die sparkasseneigene Landesbank Berlin (LBB) als Whitelabel-Anbieter die Kreditkarte des globalen Bigtechs. Rund eine Millionen Kreditkarten-Kunden dürfte der Online-Händler mithilfe des Berliner Geldinstituts in diese Zeit gewonnen haben. Doch genau mit dieser Kooperation soll nach Informationen von Finance Forward und Finanz-Szene.de Ende nächsten Jahres Schluss sein.

Dazu muss man wissen: Erst kürzlich wurde bekannt, dass der Automobilclub ADAC sein Kreditkarten-Angebot bei der LBB gekündigt hat. Hier ging es sogar um 1,3 Millionen Kunden. Damit wird die Landesbank demnächst ohne seine beiden prominentesten und größten Kunden dastehen. Die Kartensparte, die lange Zeit als Aushängeschild der DSGV-Tochter galt – ihr droht das Aus.

Wollte die Bank nicht mehr? Oder zogen der ADAC und Amazon den Stecker?

Unklar ist, ob es sich um einen bewussten Schritt der Bank handelt, ob sie die Trennung von ADAC und Amazon initiiert hat – oder ob das Institut das Kartengeschäft als Folge des Verlusts der beiden Edelkunden zur Disposition stellt. In Berlin heißt es dazu: Kein Kommentar. Und auch bei Amazon und dem ADAC will man sich nicht äußern.

Fest immerhin steht: Die Landesbank Berlin bereitet einen grundlegenden Strategieschwenk vor. Vereinfach gesagt gehörten zu der Gruppe bislang drei Einheiten, nämlich die Berliner Sparkasse, das als LBB betriebene Großbankengeschäft (in dessen Mittelpunkt bislang die Kreditkarten-Aktivitäten standen) und der gewerbliche Immobilienfinanzierer Berlin Hyp. Letzterer allerdings soll abgestoßen, die Holdingstruktur aufgegeben werden, wie die Bank kürzlich offiziell bestätigte. Offen blieb: Was ist mit dem Großbankengeschäft?

Ein Finance Forward und Finanz-Szene vorliegender Brief des Vorstands an die Mitarbeiter – datiert auf den 30. Juni – lässt hieran nun keine Zweifel mehr. In dem Schreiben heißt es wörtlich: „Künftig werden wir uns ausschließlich auf unser Kerngeschäft als Hauptstadtsparkasse konzentrieren. Im Jahr 2025 wird die Berliner Sparkasse eine eigenständige und nachhaltig profitable Kundensparkasse sein – viel weniger komplex, im besten Sinne einfach, mit um ein Drittel niedrigeren Kosten und höheren Erträgen im Kundengeschäft.“

Bumm. Was nicht Sparkasse ist, soll weg. Und so schreibt der Vorstand denn auch in Bezug auf das Kartengeschäft: „Der Vertrag mit Amazon wird zum 31.12.2022 aufgehoben.“ Danach werde es nur noch „nachlaufende Arbeiten“ geben. Da 2023 auch der Vertrag mit dem ADAC ausläuft, dürfte es um das Kartengeschäft bald geschehen sein.

Die Gründe bleiben diffus. Denn noch im 2020er-Geschäftsbericht war in Bezug auf den „Co-Branding-Partner“ Amazon von einer „Wachstumsstrategie“ die Rede gewesen. Schon ein halbes Jahr später allerdings galt das urplötzlich nicht mehr. So hieß es heißt im kürzlich veröffentlichten Halbjahresbericht der LBB lapidar und ohne jede weitere Erläuterung: „Das langjährig betriebene Kooperationsgeschäft mit Co-Branding-Karten wird zum Ende März 2023 nicht in bisheriger Form weitergeführt.“

Ist es möglicherweise so, dass die LBB von der Kündigung des ADAC überrascht wurde – und man darum nun ganz Schluss macht, weil das Whitelabel-Geschäft mit nur einem großen Partner nicht mehr gelohnt hätte? Oder sind die zuletzt schwächer werdenden Kennzahlen der Sparte der Grund für die Kehrtwende? Im Umfeld der Landesbank ist zu hören, das Management habe womöglich auch vor der zunehmenden (auch regulatorischen) Komplexität des Kartengeschäfts kapituliert. Dann müsste man dem Vorstand zumindest Konsequenz und Ehrlichkeit attestieren. Ein gutes Zeichen allerdings wäre es trotzdem nicht, wenn im Herzen des Sparkassen-Sektors bestimmte Dienstleistungen mangels Kompetenz nicht mehr angeboten würden.

Mit wem werden der ADAC und Amazon das Geschäft künftig machen?

Die Aufhebung des Vertrags mit Amazon soll einvernehmlich verlaufen sein. Offenbar suchen jetzt beide Partner nach einer tragfähigen Lösung für die Zeit danach. Theoretisch wäre denkbar, dass die LBB das Kartengeschäft verkauft und der Käufer neben der Infrastruktur und den Mitarbeitern auch die beiden prominenten Großkunden übernimmt. So ein Szenario wird im Umfeld der LBB aber offenbar als nicht wirklich realistisch angesehen. Vielmehr heißt es aus Finanzkreisen, der ADAC sei längst auf der Suche nach einem neuen Partner – möglicherweise ja auch nach einem, mit dem sich aus dem Kreditkartengeschäft noch ein bisschen mehr herausschlagen lässt.

Weniger klar scheint die Sache bei Amazon. Angeblich sollen die Amerikaner (falls sie nicht rasch einen neuen Partner finden) die Option besitzen, die Zusammenarbeit mit der LBB noch eine Zeitlang weiterzuführen. Und: Ohnehin würde die Übertragung von eine Millionen Kartenkunden eine Phase des Übergangs erforderlich machen. Vermutlich ist das gemeint, wenn der Vorstand gegenüber der Belegschaft von „nachlaufenden Arbeiten“ spricht.

Wer käme als neuer Partner für den ADAC und Amazon infrage? Zwar betreiben auch klassische hiesige Banken wie die DKB oder die Commerzbank das Geschäft. Im Markt allerdings kursieren eher andere Namen, zum Beispiel die deutsche Barclays (also ehemalige Barclaycard). Womöglich schielen auch einige Neobanken auf den Deal. Die Solarisbank, Railsbank oder Starling könnten Kandidaten sein.

Amazon als Kunden zu haben, verspricht Strahlkraft. Als das amerikanische Klarna-Pendant Affirm jüngst eine „Buy now, pay later“-Kooperation mit dem Online-Giganten angekündigte, schoss der Börsenkurs in die Höhe. Ein einfacher Kunde ist Amazon allerdings nicht, die Amerikaner würden die Margen hart verhandelt, heißt es aus dem Markt. Diese Erfahrung musste wohl auch die LBB machen – schließlich kam die Verschlechterung der eigenen Zahlen ja nicht von ungefähr. Schon 2019 sanken die Provisionsüberschüsse der LBB mit Kreditkarten, im damaligen Geschäftsbericht hieß es:

„Der Rückgang ist insbesondere auf neue vertragliche Vereinbarungen im Co-Branding mit Kreditkarten zurückzuführen. Durch den teilweisen Verzicht auf Jahreskartengebühren und eine höhere Umsatzbonifizierung für bestimmte Kundengruppen sowie das gleichzeitig stärkere Wachstum dieses Portfolios ist der Überschuss gesunken.“

Offenbar wollten Amazon bzw. der ADAC bereits damals ein größeres Stück vom Kuchen.

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