Die Carl-Gründer Kurosch Habibi (links) und Pascal Stichler (Mitte) sowie Doubledigit-Chef Daniel Schenk (Bild: PR/Viktor Strasse)

Deal unter Dealmakern: M&A-Startup Carl fusioniert

Exklusiv: Mit einer Online-Plattform wollte das Berliner Startup Carl das Nachfolgeproblem im Mittelstand lösen. Jetzt geht es mit einem anderen Spezialisten für Mergers & Acquisitions zusammen.

Selbst in Berlin ist der Mann nur Insidern ein Begriff und das ist einigermaßen erstaunlich, schließlich hatte er bei einigen der interessanteren Startup-Deals der letzten Jahre seine Finger im Spiel. 2013 etwa, da half er der Unternehmerfamilie Reimann, das Fintech Sofortüberweisung an das schwedische Klarna zu verkaufen – eine Akquisition, die nach Ansicht von Klarna-Kennern die Keimzelle für das Riesenwachstum der Schweden in den kommenden Jahren bildete (auch wenn die Bewertung inzwischen wieder zusammengeschnurrt ist). Oder 2015, der Exit des Sextoy-Startups Amorelie an ProSiebenSat.1. Und erst vor einem knappen Jahr, die Übernahme des Beratermarktplatzes Comatch durch das französische Unternehmen Malt.

Daniel Schenk heißt der Mann, sein Geschäft nennt sich „Mergers & Acquisitions“- oder Corporate-Finance-Beratung: jene Player im Hintergrund, ohne die Investments, Übernahmen oder Fusionen nicht gelingen würden – sie bringen Investoren, Käufer und Verkäufer zusammen und begleiten die Transaktionen von Anfang bis Ende. Schenk hat schon zwei M&A-Beratungsfirmen gegründet, 2018 startete er seine dritte: Doubledigit. Auch hier wirkt er, mit einem kleinen Team von sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, weitgehend unter dem Radar. Eine richtige Website gibt es erst seit Kurzem.

Nun aber will Schenk das Wirken seiner M&A-Boutique mehr ins Rampenlicht rücken – dabei helfen soll das Zusammengehen mit einem Player, der zwar im gleichen Markt unterwegs ist, aber ganz anders arbeitet.

900 Millionen Euro Transaktionsvolumen

Doubledigit schließt sich nach Informationen von Capital und Finance Forward mit dem Startup Carl (ehemals: Carl Finance) zusammen, das 2016 mit dem Vorhaben eines Online-Marktplatzes für Unternehmensnachfolge gestartet war, unter anderem vom Berliner Risikokapitalgeber Project A finanziert wurde und heute gut 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat.
Die Ansätze der beiden Firmen, sagt Schenk, seien komplementär: „Carl bringt mit seiner digitalen Plattform Reichweite und eine Marke, mit der man skalieren kann; Doubledigit bringt Expertise und Mehrwert im M&A-Business.“ Beide würden letztlich an der gleichen Herausforderung arbeiten: Käufer insbesondere für Unternehmen im deutschen Mittelstand zu finden, wo sich seit Jahren ein Problemdruck bei der Nachfolge aufbaut. Laut dem Bonner Institut für Mittelstandsforschung wird bis 2026 bei fast 200.000 Firmen eine Übergabe anstehen.

„Wir haben beide aus unterschiedlichen Richtungen am gleichen Problem gearbeitet“, sagt Carl-Mitgründer Kurosch Daniel Habibi, „aber beide auch nicht in marktbeherrschender Stellung gelöst“. Tatsächlich landet bei den beiden Firmen bislang nur ein winziger Teil des Kuchens. Insgesamt, also jeweils seit Bestehen des Unternehmens, hätten beide in Summe ein Transaktionsvolumen von 900 Millionen Euro zustande gebracht, gut 600 Millionen davon entfallen offenbar auf Doubledigit. Bei der M&A-Beratung fließen in der Regel Erfolgshonorare im niedrig einstelligen Prozentbereich des Verkaufspreises, dementsprechend lässt sich überschlagen, dass keiner der beiden bislang das ganz große Rad gedreht hat.

Die Masse soll über Carl kommen

Gelingen soll das nun mit der Kombination von Klasse und Masse. Bei Doubledigit, erklärt Schenk, begleite man Kunden früher, intensiver und hochwertiger: „M&A ist ein transaktionales Geschäft – da wird oft viel Wert liegen gelassen“, sagt Schenk. „Wir machen Unternehmen wirklich exit-ready: Wir zeigen auf, wo Werte liegen, zum Beispiel welche Daten gehoben werden können. Unsere Vorbereitung ist länger, wir tauchen tiefer ab.“

Die Masse soll über Carl kommen: über die gut sichtbare Marke, das erprobte Online-Marketing, die 4.000 Verkäuferanfragen pro Jahr und 600 Telefonate mit Interessenten im Monat, die das Startup abwickelt. Und den Vorsprung, den die Firma bei der Digitalisierung des M&A-Prozess sich erarbeitet habe: „Was Carl schon gut macht, ist die einfachen Prozessschritte zu automatisieren, damit sich die Mitarbeiter auf die hochwertigen Aufgaben konzentrieren können“, lobt Schenk. Fürs erste sollen beide Marken bestehen bleiben.

Als Juniorpartner in der Verbindung will sich Carl-Gründer Habibi nicht sehen, allerdings wird das Startup ganz praktisch zu einer Tochtergesellschaft von Doubledigit. Die Carl-Gesellschafter wie Project A sowie die Gründer erhalten Anteile an der Mutterfirma. Auch eine Cash-Komponente hat der Deal, über Summen und Bewertungen im Zuge der Transaktionen schweigen sich die Beteiligten aber aus.

Carl-Gründer wechseln in den Beirat

Man sei aber aus freien Stücken zusammengegangen, betont Habibi: „Wir hätten ohne Probleme beide auch alleine weitermachen können. Wir hatten umsatzseitig das beste Jahr unserer Geschichte hinter uns, wir sind beide profitabel.“ Man sei aber „zu der Erkenntnis gelangt, dass man das Geschäft über sehr gute Leute mit sehr guter Expertise besser skalieren kann.“ Und das hätte wohl auch eine weitere Finanzierungsrunde mit Risikokapitalgebern nicht herbeiführen können, erst recht nicht im aktuellen Investmentklima.

Die beiden Carl-Gründer wechseln nach einer Übergangsphase in den Beirat und überlassen die operative Führung Daniel Schenk. „Pascals und meine Stärke ist die Gründungs- und Aufbauphase“, sagt Habibi. „Für das, was jetzt vor dem Unternehmen liegt, ist Daniel mit seiner Erfahrung der richtige. Wir beschäftigen uns ja seit Jahren mit Nachfolge – und haben oft genug gesehen, dass es wichtig ist, so eine Entscheidung möglichst früh und transparent vorzubereiten und zu kommunizieren.“

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