{"id":31515,"date":"2024-02-26T05:30:15","date_gmt":"2024-02-26T04:30:15","guid":{"rendered":"https:\/\/financefwd.com\/?p=31515"},"modified":"2024-02-28T11:59:09","modified_gmt":"2024-02-28T10:59:09","slug":"dwinity-christian-mangold","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/financefwd.com\/de\/dwinity-christian-mangold\/","title":{"rendered":"Was hinter der absurden Bewertung des Fintechs Dwinity steckt"},"content":{"rendered":"<p><em>Exklusiv: Das Blockchain-Fintech Dwinity hat noch kein fertiges Produkt, doch schon in der ersten Finanzierungsrunde sollen Investoren zu einer Bewertung von 75 Millionen Dollar in die Firma aus M\u00fcnchen eingestiegen sein. Gr\u00fcnder Christian Mangold h\u00e4lt das f\u00fcr gerechtfertigt \u2013 schlie\u00dflich k\u00f6nne seine Idee das Gesch\u00e4ftsmodell von Google und Facebook angreifen.<\/em><\/p>\n<p>Auf den ersten Blick verspricht die Pressemitteilung des Startups Dwinity wenig Aufregendes \u2013 sie liest sich wie eine von vielen, die Fintechs so verschicken. Es gehe bei Dwinity um ein \u201edezentrales Web3-Daten-\u00d6kosystem\u201c, von mehreren \u201eSerial-Entrepreneurs\u201c ist die Rede und einer ersten Finanzierungsrunde, die \u201ebereits \u00fcber eine Million US-Dollar\u201c eingebracht habe. Nichts also, was Tech-Journalisten auf Anhieb zum Telefon greifen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Doch ein Detail in dem Schreiben sticht heraus: die Unternehmensbewertung, sie liegt bei angeblich 75 Millionen Dollar. Die Summe ist aus zwei Gr\u00fcnden bemerkenswert: Erstens nennen Startups die genauen Bewertungen, zu denen Geldgeber investiert haben, nur selten. Schon gar nicht im derzeitigen Marktumfeld, wo die Bewertungen aufgrund hoher Zinsen und strenger Profiterwartungen massiv gefallen sind. So mancher Gr\u00fcnder muss gar schmerzhafte Abschl\u00e4ge hinnehmen, um \u00fcberhaupt noch an Geld zu kommen.<\/p>\n<p>Zweitens \u2013 und das l\u00e4sst die von Dwinity kommunizierten 75 Millionen Dollar besonders absurd erscheinen \u2013 ist das Fintech erst im Januar offiziell gestartet. Ein fertiges Produkt oder sprudelnde Ums\u00e4tze? Gibt es noch nicht. Was also macht das blutjunge Finanz-Startup aus Gr\u00e4feling bei M\u00fcnchen vermeintlich schon so wertvoll?<\/p>\n<h2>Keine gew\u00f6hnliche Finanzierungsrunde<\/h2>\n<p>Anruf bei Christian Mangold. Er ist Mitgr\u00fcnder und Finanzchef bei Dwinity und ein in der Szene bekanntes Gesicht. Mangold hat unter anderem den Bezahlservice Sofort\u00fcberweisung mit aufgebaut und nach dessen \u00dcbernahme durch Klarna das Deutschlandgesch\u00e4ft des schwedischen Fintechs verantwortet. Was also hat es mit der mutigen Bewertung seiner neuen Firma zu einem so fr\u00fchen Zeitpunkt auf sich? Mangolds Antwort: Er relativiert die genannte Summe, es handle sich nicht um eine \u201eklassische Finanzierungsrunde\u201c, sagt er, \u201eauch nicht um einen Wert, zu der man die Firma auf Anhieb verkaufen k\u00f6nnte\u201c.<\/p>\n<p>Hintergrund sei vielmehr ein sogenannter Token-Sale, den Dwinity derzeit abhalte. Tokens sind digitale Genussscheine, die \u00fcber eine Blockchain gehandelt werden und Investoren neben einer k\u00fcnftigen Wertsteigerung auch spezielle Funktionen versprechen \u2013 die Nutzung eines Online-Services zum Beispiel oder den Zugang zu einem Netzwerk.<\/p>\n<p>Solche Tokens \u2013 zun\u00e4chst sind es 24 Millionen von insgesamt 600 Millionen \u2013 biete Dwinity Investoren aktuell f\u00fcr 0,125 US-Cent pro St\u00fcck zum Kauf an. \u201eHochgerechnet ergibt sich daraus ein Gesamtwert aller Tokens von 75 Millionen Dollar, was sozusagen den Wert der Firma widerspiegelt\u201c, sagt Christian Mangold, der sich des leicht irref\u00fchrenden PR-Tricks bewusst ist.<\/p>\n<p>Dennoch h\u00e4lt der Gr\u00fcnder an den Ambitionen fest. Noch bis Mitte M\u00e4rz wolle man alle sogenannten Dwin-Tokens der Erstemission vollst\u00e4ndig ver\u00e4u\u00dfern \u2013 und so drei Millionen Dollar einsammeln. Den Verkauf wickelt das Fintech \u00fcber die Token-Plattform Bitbond ab, die unter Aufsicht der Finanzaufsicht Bafin steht. Somit erf\u00fclle Dwinity auch die Anforderungen der neuen MiCAR-Verordnung der EU (\u201eMarkets in Crypto-Assets Regulation\u201c), wie Mangold betont. Sie verpflichte hiesige Krypto-Unternehmen zu mehr Transparenz und h\u00f6heren Sicherheitsstandards. Das Vertrauen bei Anlegern scheint vorhanden: Mehr als die H\u00e4lfte der anvisierten drei Millionen Euro habe das Fintech bereits erhalten.<\/p>\n<p>Das Geld h\u00e4lt Mangold f\u00fcr gut angelegt. Schlie\u00dflich sto\u00dfe Dwinity in einen Bereich der Blockchain-Welt vor, der von Fintechs bislang noch wenig beachtet wurde, finanziell aber \u201ehochlukrativ\u201c sei. Vor allem, weil es die Gesch\u00e4ftsmodelle von Tech-Giganten wie Google oder Facebook \u201egrundlegend infrage stellen\u201c k\u00f6nnte, wie es Mangold am Telefon ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<h2>\u201eWie ein Cloudspeicher auf dem Desktop\u201c<\/h2>\n<p>Das Produkt des Fintechs dreht sich vereinfacht um den Handel mit Nutzerdaten \u2013 also mit Fotos, Word-Dateien und anderen pers\u00f6nlichen Dokumenten, die viele Menschen bislang noch meist in Cloudspeichern ablegen. Nicht ohne Risiko: Einerseits liegen die Daten somit zentral bei nur einem einzigen Anbieter. Die Gefahr eines Datenverlusts \u2013 etwa bei einem Hackerangriff \u2013\u00a0 ist also deutlich h\u00f6her. Andererseits werden Nutzerdaten etwa von Google genutzt, um Unternehmen treffsicherere Werbeanzeigen zu verkaufen. Von den Einnahmen sehen Nutzer jedoch nichts.<\/p>\n<p>Dies wolle Dwinity \u00e4ndern, erkl\u00e4rt Mangold. Im ersten Schritt sollen Nutzer ihre Daten \u00fcber die Dwinity-Plattform sicher und dezentral auf einer Blockchain speichern und verwalten k\u00f6nnen. \u201eVom Interface her wird das nicht viel anders aussehen als ein Cloudspeicher auf dem Desktop\u201c, erkl\u00e4rt Mangold.<\/p>\n<p>Der Unterschied: Die Daten liegen verteilt und somit vor Verlust gesch\u00fctzt auf den Rechnern anderer Dwinity-Mitglieder, die im Gegenzug mit Dwin-Tokens belohnt w\u00fcrden. Das Fintech plant f\u00fcr den Service eine monatliche Geb\u00fchr zu erheben. Sp\u00e4ter sollen Nutzer ihre Daten auch selbst gegen Geb\u00fchr an Unternehmen verkaufen k\u00f6nnen \u2013 \u00e4hnlich einem Online-Marktplatz wie Amazon. Mangold hat etwa Pharmaunternehmen im Blick, die so beispielsweise genauere Studien durchf\u00fchren k\u00f6nnten.<\/p>\n<h2>Resonanz aus der Krypto-Community<\/h2>\n<p>Noch befindet sich das Projekt im Fr\u00fchstadium. Mit einem ersten Produkt rechnet der Fintech-Kopf nicht vor Herbst dieses Jahres. Danach aber k\u00f6nnte es rasch vorangehen. \u201eZulauf erwarten wir uns vor allem aus der Krypto-Community\u201c, so Mangold, \u201edort gibt es ein hohes Interesse an Datenschutz\u201c. Das zeige sich auch an den \u00fcber 150 Investoren, die bereits Token des Startups gezeichnet haben sollen \u2013 viele davon h\u00e4tten eine verschl\u00fcsselte E-Mail-Adresse des Anbieters Proton Mail.<\/p>\n<p>Bei einem Nischenprodukt soll es Christian Mangold zufolge aber nicht bleiben. Schon, weil es \u201eviele Millionen Nutzer\u201c brauche, um Unternehmen \u00fcberhaupt genug wertvolle Daten anbieten zu k\u00f6nnen. In Investorenunterlagen rechnet das Fintech mit rund 6,5 Millionen Nutzern innerhalb der ersten drei Jahre. Die Geb\u00fchren ber\u00fccksichtigt, k\u00e4me Dwinity aufs Jahr gerechnet auf einen Umsatz von rund 180 Millionen Dollar.<\/p>\n<p>Ob das realistisch ist, wird sich zeigen. Der aktuell kommunizierten \u201eUnternehmensbewertung\u201c w\u00fcrde es jedenfalls eher gerecht werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Exklusiv: Das Blockchain-Fintech Dwinity hat noch kein fertiges Produkt, doch schon in der ersten Finanzierungsrunde sollen Investoren zu einer Bewertung von 75 Millionen Dollar in die Firma aus M\u00fcnchen eingestiegen sein. Gr\u00fcnder Christian Mangold h\u00e4lt das f\u00fcr gerechtfertigt \u2013 schlie\u00dflich k\u00f6nne seine Idee das Gesch\u00e4ftsmodell von Google und Facebook angreifen. 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