{"id":25520,"date":"2023-05-19T07:40:34","date_gmt":"2023-05-19T05:40:34","guid":{"rendered":"https:\/\/financefwd.com\/?p=25520"},"modified":"2023-05-19T11:54:54","modified_gmt":"2023-05-19T09:54:54","slug":"blair-fastgen-neustart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/financefwd.com\/de\/blair-fastgen-neustart\/","title":{"rendered":"Deutsches Gr\u00fcnder-Trio landet erneut im Y Combinator"},"content":{"rendered":"<p><em>Mit Anfang 20 zogen sie aus Deutschland ins Silicon Valley \u2013 mit nicht viel mehr als einer Idee. Der erste Erfolg kam schnell und ihr Fintech-Startup Blair wurde in die namhafte Startup-Schmiede Y Combinator aufgenommen, 100 Millionen Dollar standen zur Verf\u00fcgung. Doch es lief nicht wie geplant. Im Gespr\u00e4ch erz\u00e4hlt Gr\u00fcnder Mike Mahlkow, wie er und das Team die Finanzplattform Blair verkaufte, \u00fcber eine Klagewelle \u2013 und was sie nun mit ihrer n\u00e4chsten Gr\u00fcndung vorhaben.<\/em><\/p>\n<p>Viel k\u00f6nne nicht schiefgehen, sagte sich Mike Mahlkow, als er nach dem Studium in Deutschland ins Silicon Valley ging, um ein Fintech-Startup zu gr\u00fcnden. Er wollte in der \u201eChampions-League\u201c der Startup-Welt spielen. Im schlimmsten Fall w\u00fcrden er und das Team das Unternehmen \u201egegen die Wand fahren\u201c \u2013 und schlauer nach Deutschland zur\u00fcckkehren, um hierzulande durchzustarten, sagte <a href=\"https:\/\/financefwd.com\/de\/blair-podcast\/\">der Gr\u00fcnder einmal<\/a>.<\/p>\n<p>Zwei Jahre ist das her. Ihr Unternehmen Blair, das Studienfinanzierungen vergeben hat, war 2021 auf einem guten Weg. Sie waren in die Startup-Schmiede Y Combinator eingezogen, prominente Investoren wie Tiger Global hatten auf das Team der drei deutschen Gr\u00fcnder Mike Mahlkow, David Nordhausen und Constantin Schreiber gewettet, mehr als 100 Millionen Dollar sollten an die Studentinnen und Studenten flie\u00dfen.<\/p>\n<p id=\"newsletter\">Heute ist die Geschichte von Blair erst einmal vorbei. Die drei Gr\u00fcnder haben verkauft \u2013 und mussten zuvor mit einer Klagewelle k\u00e4mpfen. Doch Malkow kehrte nicht nach Deutschland zur\u00fcck, sondern st\u00fcrzte sich mit Nordhausen und Schreiber in die n\u00e4chste Gr\u00fcndung. Und wieder gelang es, in den bekannten Y Combinator einzuziehen.<\/p>\n<h2>Eine neue Art der Studienfinanzierung<\/h2>\n<p>Sie waren 2019 angetreten, um ein gro\u00dfes Problem zu l\u00f6sen: In den USA h\u00e4ufen sich Studienkredite an, die sich meist nur schwer zur\u00fcckzahlen lassen \u2013 manche sprechen bereits von der n\u00e4chsten Schuldenblase. Das wollte Blair \u00e4ndern und Studierenden eine bessere M\u00f6glichkeit bieten, ihr Studium zu finanzieren. \u00dcber eine Plattform boten die Gr\u00fcnder eine alternative Finanzierungsl\u00f6sung an. Studierende verpflichteten sich dabei, einen festgelegten Prozentsatz ihres sp\u00e4teren Einkommens als Tilgung zur\u00fcckzuzahlen.<\/p>\n<p>Dazu verkaufte Blair Software an Bildungseinrichtungen, mit der sie ihr eigenes Kreditangebot organisieren konnten. Au\u00dferdem setzten sie einen Debt-Capital-Fund auf, um Bildungsprogramme ihrer Partner zu finanzieren. Ihr Plan: Diese Art der Studienfinanzierung endlich massentauglich machen.<\/p>\n<h2>Kritik an Income-Share-Agreements<\/h2>\n<p>Zun\u00e4chst lief das Gesch\u00e4ft gut an. \u201eIm Mai 2021 hatten wir noch neues Kapital eingesammelt, \u00fcber das n\u00e4chste halbe Jahr lief dann eigentlich alles nach Plan\u201c, sagt Mahlkow im Gespr\u00e4ch. \u201eDoch dann gab es regulatorische \u00c4nderungen auf dem Markt, die uns zu schaffen machten.\u201c Die sogenannten Income Share Agreements (kurz: ISA) \u2013 ein Modell, das in Deutschland beispielsweise an Privatuniversit\u00e4ten wie der WHU angeboten wird \u2013 waren ein Novum auf dem US-amerikanischen Markt. Schnell gab es Kritik. Studierende w\u00fcrden vorab zu wenig \u00fcber ihre sp\u00e4teren Zahlungen aufgekl\u00e4rt und m\u00fcssten unter Umst\u00e4nden sogar h\u00f6here Zinsen zahlen als bei traditionellen Studienkrediten. Die verschiedenen Angebote seien oft intransparent und ihre Kosten schwer zu prognostizieren, hie\u00df es.<\/p>\n<p>Bei Blair sei das anders gewesen, sagen die Gr\u00fcnder. Man habe eigene H\u00f6chstgrenzen f\u00fcr Zinsen gesetzt und viel Wert auf Transparenz gegen\u00fcber Studierenden gelegt. Doch neben konstruktiver Kritik habe das Team auch politische Machtk\u00e4mpfe und Lobbying wahrgenommen. \u201eWir hatten den Eindruck, dass bestimmte Gruppierungen mit ihrer Kritik politisches Kapital schlagen wollten\u201c, sagt Mike Mahlkow. \u201eZudem hat die Student-Loan-Lobby einiges an Geld in das Lobbying gegen ISAs gesteckt, weil sie ihre sehr profitreiche Marktposition verteidigen wollten.\u201c In den USA sind traditionelle Studienkredite nach wie vor das vorherrschende Finanzierungsmodell f\u00fcr Studierende. ISAs bieten eine Alternative dazu und machen den etablierten Playern Konkurrenz.<\/p>\n<p>Es folgte ein Versuch der Politik, ein nationales Gesetz zur Regulierung von ISAs zu verabschieden. \u201eWir waren sehr gro\u00dfe Bef\u00fcrworter von nationalen Gesetzen f\u00fcr den ISA-Space\u201c, sagt Mahlkow. \u201eSchon im Vorhinein haben wir alle Regeln der Gesetzesvorschl\u00e4ge befolgt.\u201c Doch der Gesetzesentwurf scheiterte. Einzelne Staaten versuchten anschlie\u00dfend, das Finanzierungsmodell mit ihren existierenden Gesetzen selbst zu regulieren.<\/p>\n<h2>Der Kampf im US-Rechtssystem<\/h2>\n<p>Es kam zu einer Klagewelle im ISA-Markt. Sowohl Bildungseinrichtungen als auch Finanzierungsanbieter waren betroffen \u2013 darunter auch Blair. \u201eWir wurden nie wegen eigener Praktiken verklagt, sondern immer in Bezug auf Bildungseinrichtungen, mit denen wir gearbeitet haben\u201c, sagt Mahlkow dazu. Offenbar gab es Bildungseinrichtungen, die unlautere Praktiken anwendeten, Studenten etwa t\u00e4uschten. Laut Mahlkow wurde Blair dadurch zum \u201eKollateralschaden\u201c. Das Team habe die Klagen zwar erfolgreich abwehren k\u00f6nnen, doch die Belastung sei trotzdem gro\u00df gewesen. \u201eAuch ein Prozess, den man gewinnt, kostet schnell sechsstellig\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gibt es in den USA im Gegensatz zu Deutschland keine Geb\u00fchrenordnung f\u00fcr Anwaltshonorare. Au\u00dferdem tr\u00e4gt jede Partei dort ihre Anwaltskosten selbst, was entsprechend schnell kostspielig werden kann. Die erste Gr\u00fcndung hatte sich das junge Team sicher anders vorgestellt. Die USA sind bekannt f\u00fcr ihr unberechenbares Rechtssystem, doch selten sehen sich Gr\u00fcnder mit einem solchen Gegenwind konfrontiert. Laut Mahlkow gab es Klagen, die in der deutschen Justiz unm\u00f6glich w\u00e4ren. Das Team stand unter hohem Druck. \u201eEs war definitiv eine anstrengende Zeit\u201c, sagt er. \u201eTrotzdem mussten wir versuchen, so gut es geht damit umzugehen und das Unternehmen in die bestm\u00f6gliche Position zu bringen.\u201c<\/p>\n<p>Diese Position hie\u00df offenbar ein Unternehmensverkauf: Das Wachstum sei durch die Umst\u00e4nde zu stark verlangsamt und die laufenden Rechtskosten zunehmend zum Problem geworden. Das Team entschied sich, ihr Gesch\u00e4ft zu verkaufen. \u201eDie meisten Wettbewerber, die noch im Markt sind, leiden unter den neuen Marktbedingungen oder haben zu sp\u00e4t reagiert und sind dann zu schlechten Konditionen ausgestiegen\u201c, sagt Mahlkow. Bei Blair d\u00fcrfte es etwas besser gelaufen sein. Genaue Zahlen k\u00f6nne er dazu aber nicht teilen, auch den Namen der K\u00e4ufer nennt er nicht. Ein Wermutstropfen \u00fcber das gescheiterte Vorhaben bleibt wahrscheinlich trotzdem: Mahlkow sei nach wie vor \u00fcberzeugt, dass die richtige Einf\u00fchrung von der neuen Finanzierungsform einen Teil der Studien-Schuldenkrise in den USA l\u00f6sen k\u00f6nne.<\/p>\n<h2>Neustart mit Backend-Software<\/h2>\n<p>Durch den Verkauf konnte sich das Gr\u00fcnderteam immerhin schneller einem neuen Thema widmen \u2013 und hat dadurch sicherlich auch ein Startkapital zur Neu-Gr\u00fcndung erhalten. Mit ihrem neuen Tool namens Fastgen bewegen sie sich nun im Software-Markt. \u201eWir haben uns nach Blair ganz bewusst f\u00fcr einen weniger regulierten Markt entschieden, um die externen Faktoren wieder mehr unter Kontrolle zu haben\u201c, sagt Mahlkow.<\/p>\n<p>Fastgen bietet eine Software, mit der Unternehmen ohne viel Code auch komplexe Backend-Prozesse abbilden sollen. Das Ziel sei es, Kunden eine schnellere Entwicklung jeglicher Softwareprodukte zu erm\u00f6glichen \u2013 und das weitestgehend per Drag-and-Drop. \u201eUnsere Vision ist es, eine Art Webflow f\u00fcr das Backend zu bauen\u201c, hei\u00dft es. Webflow ist eine Software, mit der man ohne Vorkenntnisse oder Coding Websites designen und ver\u00f6ffentlichen kann \u2013 hierbei liegt der Fokus auf dem so genannten Frontend. \u201eDamit kehren wir zu unseren beiden Kern-St\u00e4rken zur\u00fcck: Software entwickeln und vertreiben\u201c, sagt Mahlkow. Im Juni soll die \u00f6ffentliche Beta-Phase starten.<\/p>\n<p>Die neuen Freiheiten des wenig regulierten Software-Marktes zeigen sich offenbar schnell: Im Gegensatz zu Finanzprodukten l\u00e4sst sich die Software sofort in verschiedenen L\u00e4ndern anbieten. In ihrer aktuellen Private-Beta-Phase arbeitet Fastgen laut eigenen Angaben bereits mit 20 Unternehmen zusammen \u2013 darunter sollen auch einige aus Berlin und M\u00fcnchen vertreten sein. \u201eWir haben neulich sogar ein Startup aus Nigeria als Kunden gewonnen\u201c, sagt Mahlkow. Bis Ende dieses Jahres wollen sie 100 Kunden akquirieren. Dabei sollen die USA ihr Kernmarkt bleiben, doch auch Europa habe das Team im Blick.<\/p>\n<h2>Zum zweiten Mal im Y Combinator<\/h2>\n<p>Die erneute Teilnahme am Y Combinator d\u00fcrfte das Wachstum sicher beschleunigen. Der Accelerator sei ein super Hebel f\u00fcr die Kundenakquise, insbesondere f\u00fcr Tech-Produkte. Auch f\u00fcr das Fundraising helfe das Netzwerk enorm. Im schwierigen Auswahlprozess habe das Team positives Feedback zur schnellen Produktentwicklung erhalten. \u201eWir haben unser Beta-Produkt in Rekordzeit gebaut\u201c, sagt er. \u201eProduct Velocity\u201c \u2013 also die F\u00e4higkeit, Produkte und Features schnell zu entwickeln und herauszubringen \u2013 sei eine der zentralen Fr\u00fchindikatoren, die sich der namhafte Accelerator ansehe.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem lege der Y Combinator extrem viel Wert auf starke Teams, dabei sei der zwischenmenschliche Faktor entscheidend. Schon <a href=\"https:\/\/financefwd.com\/de\/blair-podcast\/\">im damaligen Podcast<\/a> erz\u00e4hlten die Gr\u00fcnder, wie eng sie verbunden sind. \u201eWir kamen zu dritt nach San Francisco, hatten noch nichts \u2013 teilten uns die Wohnung und sogar teilweise das Bett\u201c, sagten sie damals. Der Umgang innerhalb des Teams habe den Partnern im Y Combinator gefallen. Die erste Bew\u00e4hrungsprobe ist geschafft, Klagewelle und Krise haben die drei Gr\u00fcnder nicht auseinander gebracht. Sie starten wieder zusammen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Anfang 20 zogen sie aus Deutschland ins Silicon Valley \u2013 mit nicht viel mehr als einer Idee. Der erste Erfolg kam schnell und ihr Fintech-Startup Blair wurde in die namhafte Startup-Schmiede Y Combinator aufgenommen, 100 Millionen Dollar standen zur Verf\u00fcgung. Doch es lief nicht wie geplant. 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