{"id":1628,"date":"2019-10-03T07:00:27","date_gmt":"2019-10-03T05:00:27","guid":{"rendered":"https:\/\/financefwd.com\/?p=1628"},"modified":"2020-04-16T17:36:22","modified_gmt":"2020-04-16T15:36:22","slug":"libra-facebook","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/financefwd.com\/de\/libra-facebook\/","title":{"rendered":"Geldherrschaft:\u00a0Wie Facebook eine globale W\u00e4hrung schaffen will"},"content":{"rendered":"<p><em>Im Juni stellte Facebook eine Revolution vor: Das soziale Netzwerk will mit Libra eine neue globale Wa\u0308hrung schaffen. Bitcoin-Gemeinde, Politiker und Zentralbanken waren gleicherma\u00dfen entsetzt. Die einen fu\u0308rchten das Ende ihrer Utopie \u2013 andere das Ende des Finanzsystems, wie wir es kennen<\/em><\/p>\n<p>Mihai Alisie hat sich gr\u00fcndlich vorbereitet. Der Blockchain-Experte wartet in einem Caf\u00e9 gleich hinter dem Bahnhof des Schweizer 30.000-Einwohner-St\u00e4dtchens Zug, vor sich einen Tabletcomputer und das zweite Glas frisch gepressten Orangensaft.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich stammt er aus Rum\u00e4nien, 2014 landete er hier, im Hauptort des Kantons Zug, des kleinsten und traditionell unternehmensfreundlichsten Kantons der Schweiz. Damals war Alisie einer der Mitgr\u00fcnder des Blockchain-Projekts Ethereum, das unter anderem die zweitwichtigste Kryptow\u00e4hrung nach Bitcoin hervorgebracht hat. Alisie sollte einen Standort f\u00fcr eine Stiftungsgr\u00fcndung finden, die Wahl fiel auf Zug, und rund um Ethereum wuchs anschlie\u00dfend Europas wichtigster Blockchain-Standort heran. Hunderte Firmen haben sich seitdem im \u201eCrypto Valley\u201c angesiedelt.<\/p>\n<p>Eigentlich erz\u00e4hlt Alisie gerne die Geschichte dieser ungew\u00f6hnlichen Tech-Region und von den Potenzialen der Kryptoindustrie. Aber dieses Mal dauert es nur wenige Minuten, da hat er sich \u00fcber ein Unternehmen in Rage geredet, das bis vor Kurzem gar nichts mit Blockchain-Technologie zu tun hatte: Facebook.<\/p>\n<p>Nur wenige Tage zuvor, am 18. Juni, hat der Techkonzern seine Pl\u00e4ne enth\u00fcllt, gemeinsam mit mehreren Dutzend anderen Unternehmen und Institutionen eine Kryptow\u00e4hrung namens Libra zu starten. Der Plan ist ambitioniert, aber geht er auf, k\u00f6nnten k\u00fcnftig Milliarden von Menschen Libra als allt\u00e4gliches Zahlungsmittel verwenden \u2013 nicht nur die 2,4 Milliarden Facebook-Nutzer, die es ohnehin schon gibt. Libra k\u00f6nnte eine globale Parallelw\u00e4hrung werden. Eine, die, so ein Facebook-Manager, \u201eHunderte von Jahren\u201c \u00fcberdauert. Und die das alte Weltfinanzsystem aus den Angeln hebt.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWenn Black Mirror noch Ideen braucht, sollten sie sich einfach Libra angucken\u201c \u2013 Mihai Alisie<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Kritik daran kam schnell und von prominenter Seite. \u201eEs steht au\u00dfer Frage, dass Libra zu einer souver\u00e4nen W\u00e4hrung wird\u201c, meint der franz\u00f6sische Finanzminister Bruno Le Maire. \u201eDas kann und darf nicht passieren.\u201c Mit Libra entst\u00fcnde \u201eein komplett neues globales Finanzsystem, das aus der Schweiz gesteuert wird und eine Konkurrenz zu US-amerikanischer Geldpolitik und dem Dollar sein soll\u201c, f\u00fcrchtet eine Gruppe demokratischer Kongressabgeordneter, die Facebook zu einem Moratorium aufgerufen haben. Der Wirtschaftsnobelpreistr\u00e4ger Joseph Stiglitz sagt: \u201eNur ein Dummkopf w\u00fcrde Facebook seine Finanzen anvertrauen.\u201c<\/p>\n<p>Auch Mihai Alisie ist, milde ausgedr\u00fcckt, entgeistert. Er z\u00fcckt sein Tablet, auf dem er eine lange Liste von Links zusammengestellt hat. Es sind die Verfehlungen des Konzerns aus der j\u00fcngeren Vergangenheit. Alisie tr\u00e4gt vor: Facebook bezahlt Jugendliche, um ihre Daten aussp\u00e4hen zu d\u00fcrfen. Facebook fragt Banken nach Kreditkartentransaktionen und Kontostand seiner Nutzer. Facebook speichert Statusbeitr\u00e4ge seiner Nutzer, selbst wenn diese nicht abgeschickt werden. Facebook patentiert einen Algorithmus, der Nutzer in soziale Klassen einteilt.<\/p>\n<p>Wenn \u201eBlack Mirror\u201c, die dystopische Science-Fiction-Serie, noch Ideen brauche, sagt Alisie, \u201edann sollten sie sich einfach das angucken\u201c. Das Internet sei einmal ein Mittel zu mehr Selbstbestimmung gewesen. Und was h\u00e4tten Konzerne wie Facebook daraus gemacht? \u201eEin Tool der Kontrolle und des Trackings.\u201c Und nun? \u201eNun wird etwas \u00c4hnliches mit Blockchain passieren.\u201c<\/p>\n<h2>Attraktive Krake<\/h2>\n<p>Einst versprach die Welt der Kryptow\u00e4hrungen neue Freiheiten: die M\u00f6glichkeit, weltweit Handel zu treiben, ohne daf\u00fcr staatliche Instanzen zu ben\u00f6tigen. Keine Zentralbanken etwa, die W\u00e4hrungen ausgeben und kontrollieren. So sollte ein neues Internet entstehen, das die Macht von Banken, Regierungen und Tech-Monopolisten bricht.<\/p>\n<p>Aber nun kommt ausgerechnet Facebook, der als Datenkrake verschriene Weltkonzern, eignet sich die Technik an und will damit die erste massentaugliche Digitalw\u00e4hrung schaffen. Mit Libra werde Facebook \u201edie umfassendste Datenbank in der Geschichte der Menschheit\u201c aufbauen, sagt Alisie. Denn dass Libra ein Erfolg wird, davon ist er \u00fcberzeugt. \u201eIhr Plan ist klug. Und attraktiv f\u00fcr die Leute.\u201c<\/p>\n<p>Der Versuch, das soziale Netzwerk zum relevanten Finanzplayer auszubauen, beginnt Weihnachten 2017 an einem Strand in der Dominikanischen Republik. Dort verbringt David Marcus seinen Urlaub, Chef von Facebooks Kommunikationstool Messenger. Marcus ist ein erfahrener Tech-Manager, in Frankreich geboren, in der Schweiz aufgewachsen, Gr\u00fcnder mehrerer Startups, sp\u00e4ter Chef von Paypal und seit 2014 bei Facebook. Ende 2017, auf dem H\u00f6hepunkt des Bitcoin-Hypes, glaubt Marcus, die ultimative Bezahlidee gefunden zu haben: eine Kryptow\u00e4hrung, initiiert von Facebook, aber getragen von einem Konsortium von Unternehmen. Letzteres w\u00fcrde der Idee noch mehr Reichweite und vor allem Vertrauen bringen \u2013 etwas, das Facebook alleine in Zeiten regelm\u00e4\u00dfiger Datenschutzskandale nicht mehr entgegengebracht wird.<\/p>\n<blockquote><p>Ausgerechnet Facebook, der als Datenkrake verschriene Weltkonzern, eignet sich die Blockchain-Technologie an und will damit die erste massentaugliche Digitalw\u00e4hrung schaffen<\/p><\/blockquote>\n<p>Marcus schickt eine Nachricht an Mark Zuckerberg. Der CEO findet Gefallen an dessen Idee. Der Messenger-Chef baut sie aus, schreibt ein erstes Konzept; innerhalb weniger Monate verl\u00e4sst er seinen alten Posten und beginnt, ein neues Team zusammenzustellen. Auf zwei abgeschotteten B\u00fcroetagen am Rande des Facebook-Campus in Menlo Park bereiten bald \u00fcber 100 Leute das wichtigste Projekt des Tech-Konzerns seit Jahren vor: eine W\u00e4hrung zu schaffen, die bekannten Kryptow\u00e4hrungen wie Bitcoin stark \u00e4hnelt, sich jedoch vor allem in zwei wichtigen Punkten von ihnen unterscheidet.<\/p>\n<p>Da ist zun\u00e4chst ihre Architektur: \u00dcber Bitcoin herrscht niemand, es gibt keine zentrale Datenbank, in der Transaktionen aufgezeichnet werden. Stattdessen h\u00e4lt die sogenannte Blockchain s\u00e4mtliche Zahlungen fest \u2013 ein Datensatz, der bei allen Knotenpunkten des Bitcoin-Netzwerks hinterlegt ist und st\u00e4ndig fortgeschrieben wird. Einen solchen Knotenpunkt wiederum kann jeder betreiben, der mag. Man muss nur die Software dazu herunterladen.<\/p>\n<p>Facebook will f\u00fcr Libra ein \u00e4hnliches Prinzip nutzen \u2013 nur dass zun\u00e4chst doch eine zentrale Instanz die Knotenpunkte betreiben soll: die Libra Association in Genf, die Facebook daf\u00fcr mit 27 anderen Unternehmen, NGOs und Forschungseinrichtungen gr\u00fcndet. Darunter sind digitale Player wie Spotify oder Payment-Riesen wie Paypal und Visa. Banken und die Tech-Konkurrenz wie Google fehlen. Bis zum Start 2020 sollen es 100 Mitglieder sein.<\/p>\n<h2>Migranten im Visier<\/h2>\n<p>Vor allem aber \u2013 zweiter Unterschied \u2013 soll diese Organisation all die Euro, Dollar oder Yen verwahren, mit denen die Nutzer Libra erwerben. Investiert wird das Geld in Bankeinlagen und kurz laufende Staatsanleihen. Libra w\u00e4re damit eine Stablecoin, das hei\u00dft, ihr Wert \u2013 anders als bei Bitcoin \u2013 durch die W\u00e4hrungsreserve gest\u00fctzt. Das soll wilde Preisschwankungen verhindern, anders als bei Bitcoin wenig Raum zum Spekulieren lassen und Libra zu einem tats\u00e4chlich funktionierenden Zahlungsmittel machen.<\/p>\n<p>Zwar d\u00fcrften eines Tages auch Kredit- und Investmentangebote mit der <a class=\"aomHighlight\">Libra<\/a>-Blockchain umgesetzt werden, zun\u00e4chst aber geht es tats\u00e4chlich nur darum: bezahlen. Dem Nutzer soll ein digitales, in WhatsApp und den Facebook-Messenger integriertes Portemonnaie zur Verf\u00fcgung gestellt werden, mit dem sich Libra hin- und herschicken lassen. Einfach, g\u00fcnstig und vor allem \u00fcber Landesgrenzen hinweg.<\/p>\n<p>Es hat seinen Grund, dass Facebook mit dieser Anwendung beginnt: Weltweit \u00fcberweisen Migranten jedes Jahr rund 700 Mrd. Dollar in ihre Heimatl\u00e4nder \u2013 oft \u00fcber Anbieter wie Western Union, die fast ein Zehntel der jeweiligen Summe an Geb\u00fchren behalten. Fintech-Angreifer wie Paypal sind zwar l\u00e4ngst g\u00fcnstiger \u2013 blo\u00df kann man sie nur mit Kreditkarte oder Konto nutzen, und weltweit sind noch gut 1,7 Milliarden Menschen vom Bankensystem ausgeschlossen. Von diesen Menschen aber besitzen wiederum zwei Drittel ein Smartphone \u2013 und genau die will Facebook mit Libra erreichen.<\/p>\n<blockquote><p>Libra spaltet die Szene, die ohnehin zum leidenschaftlichen Streit neigt<\/p><\/blockquote>\n<p>Im einfachsten Fall d\u00fcrfte man k\u00fcnftig \u00fcber dieselben Verkaufsstellen, an denen Kunden ihr Prepaidhandy aufladen, auch Geld ins <a class=\"aomHighlight\">Libra<\/a>-Portemonnaie laden k\u00f6nnen. Die Geb\u00fchren f\u00fcr die Transaktionen sollen vernachl\u00e4ssigbar sein, Facebook will anderweitig Geld verdienen: mit mehr Umsatz bei Onlineshops und Werbeanzeigen, mit der Rendite der angelegten W\u00e4hrungsreserven, sp\u00e4ter auch mit den geplanten Finanzprodukten. Facebooks Reichweite d\u00fcrfte schnell daf\u00fcr sorgen, dass das g\u00fcnstige Bezahlmodell eines f\u00fcr die Massen wird.<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcr eine breite Akzeptanz neuer Technologien braucht es breit einsetzbare Use Cases\u201c, sagt Olaf Hannemann. Mit seinem Kompagnon Mathias Ruch betreibt er von Zug aus die Venture-Capital-Firma CV VC, die in Blockchain-Unternehmen investiert. Die beiden empfangen auf der Terrasse ihres B\u00fcros auf der anderen Seite des Bahnhofs von Zug. Ruch sagt: \u201eEs gibt seit dem 18. Juni eine neue Zeitrechnung.\u201c Seitdem Facebook an diesem Tag seine Pl\u00e4ne vorgestellt hat, kennt die Krypto-Welt eigentlich kein anderes Thema mehr.<\/p>\n<p>Libra spaltet die Szene, die ohnehin zum leidenschaftlichen Streit neigt. Die Investoren geh\u00f6ren zur Fraktion der Pragmatiker, f\u00fcr sie ist Libra der T\u00fcr\u00f6ffner in den Massenmarkt. Auf der anderen Seite stehen Idealisten wie Alisie, die Verrat an den Werten der Krypto-Idee wittern.<\/p>\n<p>Wie schwierig das Verh\u00e4ltnis zwischen Facebook und der Branche ist, zeigt das Beispiel eines kleinen Start-ups mit einem kurzen Leben: Chainspace. Dessen Geschichte beginnt 2017, als eine Gruppe von Wissenschaftlern um den Londoner IT-Sicherheitsexperten George Danezis vom University College London eine L\u00f6sung f\u00fcr eines der dr\u00e4ngendsten Probleme der Blockchain-Technik pr\u00e4sentiert: Wie k\u00f6nnen die dezentralen Systeme schneller gemacht werden? Bitcoin etwa schafft wegen des riesigen Netzwerks nur sieben Transaktionen pro Sekunde \u2013 der Kreditkartenkonzern Visa wickelt in der gleichen Zeit nach eigenen Angaben 24.000 ab, Libra soll auf immerhin 1.000 kommen.<\/p>\n<p>Das Chainspace-Konzept, das zu Beginn unter anderem von einem Programm der EU-Kommission f\u00fcr Datenschutzprojekte finanziert wurde, war verhei\u00dfungsvoll. Schnell wurden gro\u00dfe Pl\u00e4ne geschmiedet, Anfang 2018 formte man ein Startup, fand Investoren, sp\u00e4ter sollte ein Krypto-Crowdfunding folgen.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDer Weg in die Dystopie ist mit guten Vors\u00e4tzen gepflastert\u201c \u2013 Mustafa Al-Bassam<\/p><\/blockquote>\n<p>Dann schlug Facebook zu: Anfang 2019 kaufte es das Start-up, Danezis und zwei weitere Wissenschaftler wechselten in David Marcus\u2019 Blockchain-Team, ihre Namen tauchten sp\u00e4ter im <a class=\"aomHighlight\">Libra<\/a>-Whitepaper auf, dem Grundlagendokument des Projekts. Ein weiterer Chainspace-Gr\u00fcnder, Dave Hrycyszyn, hielt es nur wenige Wochen bei Facebook aus, dann ging er wieder. Heute ist er CTO bei Nym, einem Datenschutz-Start-up. Danezis und Hrycyszyn sprechen nicht mit der Presse, sie haben Geheimhaltungsvertr\u00e4ge unterschrieben.<\/p>\n<h2>Den Dollar schw\u00e4chen<\/h2>\n<p>Was ihr Umfeld aber von dem Seitenwechsel denkt, das l\u00e4sst sich in Erfahrung bringen. Mustafa Al-Bassam, ein Chainspace-Mitgr\u00fcnder, der das Facebook-Angebot ausschlug, schreibt auf Twitter: \u201eIch habe keine Zweifel, dass das <a class=\"aomHighlight\">Libra<\/a>-Team Libra aus guten Gr\u00fcnden baut: um ein offenes, dezentrales Payment-System zu schaffen, nicht um Facebook noch m\u00e4chtiger zu machen. Nur: Der Weg in die Dystopie ist mit guten Vors\u00e4tzen gepflastert.\u201c<\/p>\n<p>Harry Halpin, ein langj\u00e4hriger Wegbegleiter von Danezis und heutiger Nym-CEO, sagt: \u201eGeorge war einer der talentiertesten Sicherheitsforscher.\u201c Was Halpin von Facebook h\u00e4lt, wird schnell klar: \u201eMit Libra wird versucht, ein globales Konzernbankensystem aufzubauen, au\u00dferhalb der Kontrolle von Nationalstaaten. Hier wird ein neues, zentralisiertes Bankensystem geschaffen. Dieses Mal im Silicon Valley.\u201c<\/p>\n<p>Die Kritik an Libra kommt aber nicht nur aus den Kryptozirkeln \u2013 wohl noch nie hat das Vorhaben eines privaten Unternehmens so schnell so viele staatliche Kritiker auf den Plan gerufen. Notenbanker, Finanzpolitiker und Aufsichtsbeh\u00f6rden f\u00fcrchten das Entstehen einer riesigen Schattenbank und zweifeln, dass der Wert von Libra wirklich stabil bleiben kann, wenn nicht nur Dollar, Euro und Yen die W\u00e4hrungsreserve bilden, sondern auch mexikanische Peso oder t\u00fcrkische Lira.<\/p>\n<p>Sie beunruhigt, dass die neue Weltw\u00e4hrung die Bedeutung des Dollars schw\u00e4chen und den Zentralbanken die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr souver\u00e4ne Geldpolitik nehmen k\u00f6nnte. Und sie gruselt es bei der Vorstellung, dass die <a class=\"aomHighlight\">Libra<\/a>-Organisation zum gr\u00f6\u00dften Verm\u00f6gensverwalter der Welt und zum wichtigsten Gl\u00e4ubiger von Staatsanleihen werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Am direktesten aber bedroht Libra die Bankenwelt. Die Institute w\u00fcrden einerseits Einlagen verlieren, wenn Nutzer ihr Geld in Libra parken. Vor allem aber h\u00e4tten sie endg\u00fcltig keinen exklusiven Zugang zu den Endkunden mehr, der ohnehin durch Angreifer wie Paypal oder Apple Pay in Gefahr ist. Bislang f\u00fcrchteten die Banken, zum Produktzulieferer degradiert zu werden. W\u00fcrden aber bei Libra auch Kredite vergeben und Investmentprodukte entstehen, w\u00e4re selbst diese Rumpfexistenz gef\u00e4hrdet. Trotzdem sind US-Banken offenbar in Gespr\u00e4chen \u00fcber einen <a class=\"aomHighlight\">Libra<\/a>-Beitritt \u2013 besser am Tisch sitzen, als vor der T\u00fcr stehen. \u00c4hnliche \u00dcberlegungen d\u00fcrften auch Mastercard und Visa zu Libra getrieben haben.<\/p>\n<blockquote><p>Damit das Mammutprojekt \u00fcberhaupt an den Start gehen kann, muss Facebook mit Regierungen und Beh\u00f6rden kooperieren, Entgegenkommen zeigen<\/p><\/blockquote>\n<p>Deutsche Banken allerdings, hei\u00dft es aus einem der gr\u00f6\u00dften Institute, wurden bislang nicht angesprochen. Und auch so gibt es in der Bundesregierung starke Vorbehalte gegen das Projekt. In der Blockchain-Strategie hei\u00dft es, Stablecoins sollten \u201ekeine Alternative zu staatlichen W\u00e4hrungen werden\u201c. Im SPD-gef\u00fchrten Finanzministerium will man den Aufstieg von Libra zu einer globalen W\u00e4hrungsalternative explizit verhindern. Im Ministerium kursiert ein Gegenvorschlag: Es gebe offensichtlich ein Interesse an digitalem Geld, das zeige <a class=\"aomHighlight\">Libra<\/a>. Warum also nicht die Nachfrage mit einem staatlich ausgegebenen E-Euro bedienen?<\/p>\n<p>Ein Zentralbank-Stablecoin ist keine vollkommen neue Idee, die Schwedische Reichsbank etwa pr\u00fcft seit L\u00e4ngerem \u00dcberlegungen zur E-Krone. Bei der Deutschen Bundesbank h\u00e4lt man derartige Ideen allerdings f\u00fcr mindestens unausgereift: Digitales Zentralbankgeld untergrabe das private Bankensystem \u2013 und w\u00fcrde im Krisenfall das System noch instabiler machen. Bundesbank und EZB sehen das <a class=\"aomHighlight\">Libra<\/a>-Projekt dem Vernehmen nach eher mit wohlwollendem Interesse \u2013 man werde es aufsichtsrechtlich begleiten, ein Verbot halte aber niemand f\u00fcr n\u00f6tig.<\/p>\n<h2>Breaking Things<\/h2>\n<p>Damit das Mammutprojekt \u00fcberhaupt an den Start gehen kann, muss Facebook mit Regierungen und Beh\u00f6rden kooperieren, Entgegenkommen zeigen, sich anders verhalten als zuletzt. \u201eMove fast and break things\u201c \u2013 das Zuckerberg-Mantra, das sein Unternehmen seit fr\u00fchen Tagen pr\u00e4gt, wird hier nicht helfen, im Gegenteil. Blo\u00df kommt Libra trotzdem nicht allzu bescheiden daher.<\/p>\n<p>Albert Wenger etwa ist Partner beim New Yorker Risikokapitalgeber Union Square Ventures, einem der <a class=\"aomHighlight\">Libra<\/a>-Gr\u00fcndungsmitglieder. Auf die Frage, ob das Projekt das Finanzsystem ins Wanken bringen k\u00f6nnte, sagt er: \u201eDie gr\u00f6\u00dfte Destabilisierung kommt heute von innen\u201c \u2013 und meint die massiven Wertpapierk\u00e4ufe, mit denen die Zentralbanken nach 2008 die Krise des Weltfinanzsystems beruhigt haben. \u201eDer ganze Krypto-Bereich w\u00fcrde wahrscheinlich weniger Interesse finden, wenn die Fiatw\u00e4hrungen besser gemanagt w\u00e4ren.\u201c<\/p>\n<blockquote><p>\u201e2017 war verr\u00fcckt. Jetzt kommen echte Anwendungen\u201c \u2013 Daniel Haudenschild<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit solchen Ansagen d\u00fcrfte es sich Libra bei Finanzaufsehern nicht gerade leichter machen. Dabei ist Wenger durchaus bereit, Defizite einzugestehen: Sicherheit, Datenschutz \u2013 es gebe viele ungel\u00f6ste Fragen. Weil dazu immer wieder Entscheidungen getroffen werden m\u00fcssten, sei es \u201edas Wichtigste, die Governance der Association richtig zu entwickeln\u201c, sagt er. \u201eDazu muss der Teilnehmerkreis internationaler aufgesetzt werden, als das im Moment der Fall ist.\u201c Noch dominieren US-Firmen und -Institutionen.<\/p>\n<p>Wenger ist aber \u00fcberzeugt, dass Libra der Blockchain-Technik den Weg in den Mainstream ebnen wird \u2013 selbst wenn die meisten Menschen wohl gar nicht bemerken werden, dass sie es bei Libramit Krypto-Technik zu tun haben. Er zieht den Vergleich zur Fr\u00fchzeit des Internets: Die meisten Leute w\u00fcssten auch nicht, dass sie dort das \u00dcbertragungsprotokoll HTTP verwenden \u2013 trotzdem habe dessen Verbreitung durch den Microsoft Internet Explorers \u201emassiv bei der Annahme durch Endnutzer geholfen\u201c.<\/p>\n<p>Dabei ist gar nicht einmal klar, ob Libra ein Blockchain-Projekt im eigentlichen Sinne ist. Der unbekannte Bitcoin-Erfinder, der sich bis heute hinter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto verbirgt, hat die reine Lehre der Blockchain gepr\u00e4gt \u2013 und zu ihr geh\u00f6rt, dass Blockchain keine Zugangsh\u00fcrden kennt: Jeder kann Teil des Netzwerks werden, einen der Knoten darin betreiben und dort Transaktionen beglaubigen. Bei Libra aber kann das nur das Konsortium. Dort ist die Macht zwar auf die Mitglieder verteilt, auch die Facebook-Tochter Calibra hat nur eine Stimme. Aber es ist zun\u00e4chst eben ein exklusiver Club, kein global-egalit\u00e4res Unterfangen wie Bitcoin. Erst innerhalb von f\u00fcnf Jahren, so hei\u00dft es im Whitepaper des Projekts, soll Libra vollst\u00e4ndig dezentral werden. Jeder w\u00fcrde dann einen Knoten betreiben k\u00f6nnen. Aber wie diese Umstellung technisch funktionieren soll, ist unklar. Ebenso, ob Libra den Weg letztlich wirklich gehen wird. Mihai Alisie, der Ethereum-Mitgr\u00fcnder, glaubt das nicht. \u201eKlar\u201c, sagt er sarkastisch, \u201ein f\u00fcnf Jahren werden diese ganzen gro\u00dfen Unternehmen einfach die Kontrolle an die Menschen abgeben. Und alle halten sich an den H\u00e4nden.\u201c<\/p>\n<p>Es gibt trotzdem einige Optimisten in der Blockchain-Branche. An dem Tag, an dem Alisie im Caf\u00e9 auf Facebook schimpft, tagt wenige Hundert Meter weiter in einer alten Siemens-Fabrik eine Branchenkonferenz. Daniel Haudenschild, Pr\u00e4sident des Crypto-Valley-Verbands, versucht sich an einer Standortbestimmung: \u201e2017 war verr\u00fcckt\u201c \u2013 das Jahr, in dem der Bitcoinkurs auf fast 20.000 Dollar kletterte und Start-ups \u00fcber Krypto-Crowdfundings Milliarden einnahmen. 2018 dann habe die Szene einen \u201eKryptowinter\u201c erlebt. \u201eFinanzierungsquellen sind ausgetrocknet, daf\u00fcr ist aber auch der Unsinn verschwunden.\u201c Jetzt, glaubt er, \u201ekommen echte Anwendungen\u201c.<\/p>\n<p><em>Dieser Text erschien zuerst in der Capital-Printausgabe 08\/2019. Interesse an Capital? Hier geht es zum <a href=\"https:\/\/shop.capital.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Abo-Shop<\/a>, hier zur Digital-Ausgabe bei <a href=\"https:\/\/itunes.apple.com\/de\/app\/capital-wirtschaft-ist-gesellschaft\/id1171007601?l=de&amp;ls=1&amp;mt=8\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">iTunes <\/a>und <a href=\"https:\/\/play.google.com\/store\/apps\/details?id=com.audiencemedia.app3010\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">GooglePlay<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Juni stellte Facebook eine Revolution vor: Das soziale Netzwerk will mit Libra eine neue globale Wa\u0308hrung schaffen. Bitcoin-Gemeinde, Politiker und Zentralbanken waren gleicherma\u00dfen entsetzt. Die einen fu\u0308rchten das Ende ihrer Utopie \u2013 andere das Ende des Finanzsystems, wie wir es kennen Mihai Alisie hat sich gr\u00fcndlich vorbereitet. 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