Kameras vor der Firmenzentrale in Aschheim. (Bild: imago images / Overstreet)

Wirecard-Mitarbeiter wollen in der Krise einen Betriebsrat wählen

Exklusiv: Drei Wirecard-Gesellschaften planen Betriebsratswahlen, um die Rechte der verbleibenden Mitarbeiter zu vertreten. Sie kritisieren vor allem die schlechte Kommunikation des Managements.

Schon vor Monaten versuchten einzelne Mitarbeiter, bei Wirecard Betriebsratswahlen anzustoßen, zwei Mal scheiterte die Initiative. Es sei in der Vergangenheit der Karrieretod gewesen, offen über das Thema zu sprechen, heißt es von einem langjährigen Mitarbeiter. Eine Personalverantwortliche sei als „Wachhund“ bei dem Thema aufgetreten. Bislang besaß keine der Gesellschaften einen Betriebsrat – ungewöhnlich für einen Dax-Konzern.

Mitten in der schwersten Krise soll nun der nächste Anlauf gelingen. „Die Stimmung hat sich gedreht, denn die Situation ist mittlerweile eine völlig andere“, sagt Kevin Voss von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Der Zahlungsdienstleister ist in einen großen Bilanzskandal verwickelt, die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen mehrere hochrangige Manager, der ehemalige Chef Markus Braun sitzt in Untersuchungshaft und fast alle Gesellschaften haben Insolvenz angemeldet.

Verhandlungen über mögliche Abfindungen

Währenddessen droht die Firma zu zerfallen. Viele Mitarbeiter seien auf Jobsuche, an manchen Tagen würden 20 Beschäftigte das Unternehmen verlassen, berichten Insider. Schon kurz nach der Insolvenz habe sich der Konkurrent Heidelpay in einem Hotel in der Nähe eingebucht, um wichtige Mitarbeiter aus dem Tech-Team abzuwerben, erzählen mehrere Mitarbeiter. Die Payment-Firma bestätigt das.

Ein Betriebsrat solle nun denen helfen, die nicht so leicht einen neuen Job finden. Dazu gehören alleinerziehende, ältere und internationale Wirecard-Mitarbeiter, heißt es von mehreren Beschäftigten, mit denen Finance Forward gesprochen hat. Ferner kritisieren sie, dass niemand aus dem Management oder vom vorläufigen Insolvenzverwalter mit ihnen spreche. Zum Beispiel, wie die Chancen für einen Verkauf stehen würden. „Wir bekommen einfach keine Informationen“, sagt eine Mitarbeiterin. „Uns hört keiner zu.“

Am 20. August soll sich die Belegschaft von drei Gesellschaften treffen, um einen Wahlvorstand zu wählen. Dazu gehört die Bank, die noch keine Insolvenz angemeldet hat. Die beiden Tochter-Unternehmen Wirecard Acceptance Technologies und Service Technologies, die ebenfalls einen Betriebsrat wählen wollen, haben bereits Insolvenz angemeldet. Alle drei Gesellschaften beschäftigen zwischen 200 und 300 Mitarbeiter. Eine Vertretung könne bei der Abwicklung oder einem Verkauf der Gesellschaften, einen Sozialplan für die Mitarbeiter verhandeln, heißt es von Verdi. Es geht dabei zum Beispiel um Abfindungen. Bei einer Übernahme würde der Betriebsrat weiter bestehen.

„In meinem Team unterstützen das alle“

Bei dem Treffen Mitte August wählt die Versammlung drei Personen für den Wahlvorstand. Das Gremium organisiert dann in den folgenden Wochen die Betriebsratswahlen, das Verfahren solle möglichst beschleunigt werden. Wirecard äußerte sich kurzfristig nicht zu der Initiative der Mitarbeiter.

Damit die Wirecard-Gesellschaften einen Betriebsrat wählen können, müssen sich genügend Mitarbeiter zur Wahl stellen. Verdi ist zuversichtlich, die Gewerkschaft stehe mit „einer Vielzahl“ an Mitarbeitern in Kontakt. Auch mehrere Mitarbeiter gehen davon aus, dass die benötigten Betriebsräte für die Wahl zusammenkommen. „In meinem Team unterstützen das alle“, heißt es von einem Mitarbeiter. Bereits seit bekannt wurde, dass Wirecard Insolvenz anmelden müsse, herrschen „chaotische“ Zustände, wie Mitarbeiter kürzlich gegenüber Finance Forward berichtet hatten.

Wie Finance Forward die Woche berichtete, wollen auch N26-Mitarbeiter eine Betriebsrat-Wahl organisieren. Das Vertrauen in das Management sei „auf einem historischen Tiefstand“, hieß es in einem anonymen Brief an die Belegschaft.

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