Wie die Software-Apokalypse die Finanzbranche umkrempelt
Kurse von Softwarekonzernen stürzen ab, Angst vor billigen KI-Copycats grassiert. Zugleich entsteht ein neues Milliardenbusiness. Warum vor allem Fintech profitieren könne, erklärt Redstone-Investor Richard Würl im Finance-Forward-Podcast.
In der Techwelt geht ein neues Schreckgespenst um: die SaaS-Apokalypse. Softwarefirmen wie SAP, Workday oder Monday haben seit Jahresbeginn immense Wertverluste an den Börsen zu beklagen. Auch Anbieter von Finanzprogrammen wie Intuit stehen unter Druck. Ihre Software für Buchhaltung und Steuern, so die Angst vieler Anleger, könnte womöglich schon bald irrelevant werden.
Auslöser für die Endzeitstimmung sind neue Do-it-yourself-Werkzeuge aus dem Hause Anthropic. Mit dem KI-Assistenten Claude Code können Einzelpersonen ausgefeilte Software in kurzer Zeit nachbauen, ganz ohne Milliardenbudget und Entwicklerteams. Aber wie begründet ist die Sorge vor dem Softwaresterben wirklich?
Richard Würl (29) beobachtet den Umbruch durch die Brille der Finanzbranche. Als Principal beim Berliner Wagniskapitalgeber Redstone betreut er unter anderem Beteiligungen an der Haushaltsbuch-App Finanzguru, der Kreditplattform Credibur und dem ETF-Infrastrukturdienst NaroIQ.
„Wenn wir uns heute DIY-Projekte anschauen, wirken sie eher wie eine Seifenblase“, sagt Würl. Auf den ersten Blick sähen solche Vibecoding-Apps schön und funktional aus. „Aber wenn man sich das genauer anschaut, dann zerplatzt sie ganz schnell, weil etwa die Compliance-Sicherheit fehlt“, so der Redstone-Investor.
Die strenge Regulierung von Banking, Trading und anderen Finanzgeschäften verleihe Fintechs einen Schutzwall, der anderen Branchen fehlt. Lizenzen, Vertrauen und Haftungsfragen seien zentrale Erfolgsfaktoren – und schwer mit KI-Agenten zu automatisieren. „Allein für die Compliance wird es immer Menschen brauchen, mit denen sich die Bafin unterhalten kann“, sagt Würl. Die oft beschworene Vision der Ein-Mann-Firma mit Milliardenumsatz hält er im Finanzsektor daher für unrealistisch.
Das heißt jedoch nicht, dass die Branche von der KI-Transformation verschont bleibt. Gerade große Finanzdienstleister wie BlackRock, Moody’s oder die Deutsche Börse müssten sich fragen, ob ihre milliardenschweren Zukäufe im Softwarebereich noch zukunftsfähig seien. Gleichzeitig entstünden neue Chancen, glaubt Würl. Vor allem im Bereich sogenannter agentischer Systeme sieht er enormes Potenzial. „Wir können uns gut vorstellen, dass in Agentic Payments die nächste Milliardenfirma entsteht.“
Was ist mit KI-Werkzeugen heute schon möglich? Wo können Agenten in der Finanzbranche am meisten bewegen? Und wer sind die Gewinner und Verlierer dieser Umwälzung? Darüber spricht Richard Würl im Podcast mit Finance-Forward-Redakteurin Hannah Schwär.
Im Podcast „Finance Forward“ sprechen wir alle zwei Wochen mit den spannendsten Persönlichkeiten aus der neuen Finanzwelt – über Fintechs, Fonds, Krypto und Family-Offices. Sie können den Podcast über manager-magazin.de sowie auf Spotify, Apple und Deezer abonnieren.