Die Kreditkarte im Hochformat © Starling Bank

Vom Stück Plastik zum Lifestyle-Objekt: das kuriose Revival der Kreditkarte

Da wird die Finanzwelt mühsam Stück für Stück durchdigitalisiert – und dann das: Ausgerechnet die Digital-Natives der Bankenbranche entdecken jetzt die gute, alte Kreditkarte für sich – und verhelfen ihr zum Revival als Lifestyle-Objekt.

„Die neue Metallkarte funktioniert völlig kontaktlos und wurde mit viel Liebe zum Detail entworfen. Revolut Metal ist dreimal so schwer wie eine normale Karte und wird aus einem einzigen Stahlblech mit einem Diamantbohrer hergestellt. Die Farbpartikel wurden mittels physikalischer Dampfabscheidung auf die Karte aufgebracht, wobei die Kundendetails mit einem hochpräzisen Laser auf die Karte geätzt wurden.“ Wenn Revolut über sein neues Produkt ins Schwärmen gerät, dann würde man in der Techwelt von „Product Porn“ reden. Praktisch geht’s aber „nur“ um die neue Premium-Karte der Smartphone-Banker.

„Ein Unterschied, den du fühlen kannst“

Abgeschaut haben dürfte sich das Startup die Idee vom ärgsten Konkurrenten N26. Dort heißt es – wer hätte das gedacht – N26 Metal. So bewerben die Berliner das: „Die N26 Metal Karte ist im typisch-minimalistischen Design von N26 gehalten. Die vollständig metallische Vorderseite aus Edelstahl lässt die geprägten Logos besonders hervorkommen. Die doppelt aufgetragene, mattschwarze Beschichtung verleiht der Karte zusätzlich eine schlichte und edle Optik. Ein Unterschied, den du nicht nur sehen, sondern auch fühlen kannst.“

Warum geben sich nun ausgerechnet zwei Mobile-first-and-only-Banken derart objektophil und legen gesteigerten Wert auf ein Stück Pla….Verzeihung, Metall? Vielleicht weil Kartenzahlung, trotz allem medialen Hype um Mobile Payment, nach wie vor ein Erfolgsmodell ist – zumindest in Deutschland. Tatsächlich stieg die Zahl der Transaktionen im ersten Halbjahr um 14% auf 1,76 Mrd. Euro, die Bruttoumsätze kletterten um 12% auf 87 Mrd. Euro. Und wenn auch noch auf geringem Niveau: 7,2% aller Payments mit der Girocard erfolgen bereits kontaktlos. Wohlgemerkt: Die Zahlungen per Kreditkarte bewegen sich in Deutschland nach wie vor im einstelligen Prozentbereich.


Obgleich fungiert eine Karte für eine Bank, die praktisch nur auf dem Smartphone existiert, als haptische Repräsentanz – und als ideale Visitenkarte. Die Idee ist keineswegs neu. Erfunden hat’s American Express. Eine schwarze Amex galt lange Zeit als das Statussymbol der Superreichen. Besonders wohlhabende Kunden erhalten sie in zwei Ausführungen, eine Karte aus Titan und eine aus Plastik. Diese Doppelung ist notwendig, da die Kartenlesegeräte die Legierung aus Titan nicht akzeptieren. Die Besonderheit: Eine schwarze American Express Kreditkarte wird ohne vorher festgelegtes Ausgabelimit vergeben.

Krypto-Cashback für Premium-Kunden

Revolut wählt einen anderen Ansatz: Nachdem N26 bereits ihr 14,90 Euro teures Premium-Konto Metal Ende 2017 gelauncht haben, zieht man jetzt nach. 14,50 Euro monatlich kostet das Metal-Konto. Mehr Zinsen gibt’s dafür nicht, dafür „Features“: eine Reisekrankenversicherung, einen Concierge-Service, gebührenfreie Abhebungen bis zu 600 Euro/Monat. Punkten will man aber vor allem mit einem Cashback-Angebot: Wer einer von vorerst 10.000 Metal-Kunden ist, der bekommt für mit der Karte getätigte Transaktionen als Belohnung etwas Geld zurück. Für Zahlungen innerhalb Europas sind es 0,1 Prozent, für Zahlungen außerhalb sind es ein Prozent der bezahlten Summe. Auszahlbar in 28 verschiedenen Währungen, unter anderem auch in Bitcoin, Litecoin oder Ethereum.

Bei N26 hingegen funktioniert „Metal“ vielmehr wie eine Clubcard: So versprechen die Berliner Vorteile bei Premium-Partnern, darunter etwa WeWork, Outfittery, Helpling und Co. Durch die mit den Metallkarten verbundenen Dienste versuche beide Neu-Banken ihre Kunden dazu zu bewegen, die kostenpflichtigen Angebote wahrzunehmen. Aktuell verwenden viele User ihre Accounts bei Revolut und N26 als Zweitkonten. Wenn’s um Gehaltskonto geht, zeigt sich der Bankkunde dann offenbar doch nicht so wechselwillig. Zudem bieten immer noch einige Banken ein komplett kostenloses Girokonto, in Deutschland allen voran die ING-Diba und comdirect. Ärgerlich nur für Revolut und N26, dass sie bei all der Besonderheit in Sachen Features optisch ein Me-too-Produkt hingelegt haben. Abgesehen vom Firmenlogo sehen sich beide Karten zum Verwechseln ähnlich. Und das passiert nicht zum ersten Mal. Hier bereits Mitte 2017 mit dem sogenannten „Black“-Konto:

Hochkant ist das neue Quer

Einen anderen Weg geht hier die Starling Bank. Zwar ist die Starling nach wie vor eine Mobile-only-Bank, doch laut Lead Designer Thom Stoodley sei etwas „so Greifbares“ genau repräsentativ für die Marke wie die App selbst. Wie Stoodley gegenüber TheDrum mitteilte, sei man immer noch dabei, das eigene Markenbild zu definieren. Auf die Frage, wie wir mit digitalen Produkten interagieren, kam das Designteam auf eine pfiffige Idee: Die Starling Bank, 2014 von der ehemaligen Chief Operating Officer der Allied Irish Banks, Anne Boden, gegründet, bringt die erste Kreditkarte im Hochformat auf den Markt.

Tatsächlich sind das horizontale Design der Bankkarten und die geprägten Zahlen ein Relikt aus der Zeit der sogenannten Ritsch-Ratsch-Geräte, mit denen man etwa am Hotelschalter oder im Restaurant „echte“ Durchschläge der Kreditkarte anfertigte. Aber mittlerweile nutzen Kunden sie hauptsächlich im Porträtmodus, etwa beim Einstecken einer Karte in einen Geldautomaten oder in der Smartphone-Wallet.

Ganz so einfach war das Redesign allerdings nicht, erinnert sich Stoodley: „Das Mastercard-Logo muss an bestimmten Stellen sein, der Chip darf sich nicht bewegen, der Magnetstreifen ebenso wenig….“ All das ist einem 157-seitigen Band zu entnehmen, den Mastercard selbst herausgibt. „Aber das Hologramm darf auf der Rückseite sein, also haben wir es auf die Rückseite verlegt. Außerdem wollten wir die Front aufräumen. Und das Unterschriftsfeld auf unseren Karten ist das kleinste Unterschriftsfeld, das Sie finden können.“

Das Ergebnis ist ein recht minimalistisches, vertikales Design, das nur aus dem Chip, dem Namen der Bank und dem Mastercard-Logo besteht. Persönliche Identifikatoren und andere Details wurden nach hinten verschoben und werden nicht geprägt, sondern gedruckt. Die Kanten sind abgerundet. Damit noch nicht genug: Das Designteam überprüfte die Farbpalette der Marke und wählte Indigo als Kartenfarbe für Privatkunden und Marineblau für Geschäftskunden. Die Begründung: „Wir wollten nicht wie jedes Geschäftskonto auf eine schwarze Karte setzen.“

Nichtsdestotrotz konzentriert sich Starling nach eigenen Angaben vor allem auf ihren USP: die App und ihre digitalen Produkte. Die Bankkarte sei, wenn überhaupt, ein Totem dessen, wofür die Marke stehen soll: Unterschied und Leichtigkeit, schönes Design. So eine Karte ist aber auch die einzige physische Verbindung zwischen dem Kunden und einer Bank, die auf Filialen verzichtet. Und die Filialbanken? Die pfeifen scheinbar auf derlei Karten-Schnickschnack und wollen beim Kunden vor allem mit Innovation in Sachen Mobile Payment punkten – und erwägen erhöhte Gebühren für Abhebungen am Geldautomten. Ach, Du schöne, neue Finanzwelt…