Sie hat es geschafft: Anne Boden konnte für ihre Neobank Starling zu einer Milliardenbewertung Kapital einsammeln (Bild: PR)

Im dritten Versuch – Starling Bank und die ewige Expansion nach Deutschland

Die britische Neobank Starling plant seit drei Jahren den Sprung auf das europäische Festland, auch in Deutschland wollte Gründerin Anne Boden starten. Eine teure Schlacht um Kunden versucht die Firma mit ihrer neuen Strategie nun zu vermeiden – und konkurriert künftig mit der Solarisbank.

Schon seit mehreren Jahren schaut Anne Boden immer wieder nach Deutschland. Vor fast drei Jahren sagte die Starling-Gründerin nach einer Finanzierungsrunde etwa, die 35 Millionen Euro würden dabei helfen, die „globale Expansion zu beschleunigen, beginnend in Europa“. Sie suchte damals bereits nach einem erfahrenen Management, wie Finance Forward erfuhr.

Seitdem konnte die Neobank, die in Großbritannien mit Revolut und Monzo konkurriert, einige Erfolge verbuchen. Starling führt mehr als zwei Millionen Kunden und wird seit März von Investoren mit 1,5 Milliarden Dollar bewertet, der Unicorn-Status ist erreicht. Ein Meilenstein lässt allerdings auf sich warten: Die mehrfach angekündigte Expansion nach Europa.

Vor wenigen Wochen tauchte im europäischen Markenregister ein erster Hinweis auf: Das Unternehmen sichert sich den Namen „Starling Bank as a Service“. Mit einem Kniff soll die Expansion nach Europa nun noch gelingen. Denn in Konkurrenz zu N26 und Revolut zu treten, wäre extrem kostspielig.

Corona befeuert die BaaS-Nachfrage

Statt in die Marketingschlacht zu ziehen, springt das Startup auf den Banking-as-a-Service-Trend auf. Es bietet sein Bankangebot anderen Unternehmen an, die es dann an ihre Kunden vertreiben. Frankreich, Niederlande, Spanien und Deutschland sollen als erste Märkte folgen, kündigte das britische Unicorn an. Es tritt damit in Wettbewerb zur Berliner Solarisbank, die nach der Übernahme von Contis gerade nach Großbritannien expandiert ist.

Im Heimatmarkt ist Starling bereits seit 2018 mit einem Banking-Angebot für andere Unternehmen am Markt, eigenen Angaben zufolge bedient es damit derzeit 25 Firmenkunden, darunter das deutsche Raisin und Moneybox. Sie erstellen ihre eigenen Finanzprodukte auf der Bankplattform von Starling, das Unternehmen kümmert sich dabei um die technischen und regulatorischen Anforderungen hinter dem Angebot. „Embedded Finance“ wird dieses Geschäftsmodell genannt, das als großer Fintech-Trend gilt.

Nachdem es erst 2019 und dann im Coronajahr 2020 nicht gelingen sollte, geht es nun offenbar tatsächlich los mit der Expansion. Dass es sich dabei um Banking-as-a-Service handeln würde, das hatte Boden im Sommer bereits in einem Blogbeitrag angedeutet. Jetzt ist klar: Im ersten Halbjahr 2022 soll es in Europa losgehen, das Startup wartet derzeit noch auf eine endgültige Bestätigung seiner Lizenz in Irland, das habe sich aufgrund der Corona-Situation gezogen.

Gleichzeitig habe die Pandemie die Nachfrage für ihr Produkt befeuert. „Wir haben eine beständige und wachsende Nachfrage nach digitalen Finanzdienstleistungen festgestellt, die durch Corona-Beschränkungen und ein verändertes Verbraucherverhalten in wichtigen europäischen Märkten noch beschleunigt wurde“, lässt sich Boden in einer Mitteilung zitieren. Starling wittert das große Geschäft, gleichzeitig ist der Investment-Appetit der Geldgeber für das Thema zurzeit groß.

Starling hat gerade einen Lauf. Während Erzrivale Monzo ins Straucheln geraten ist und seine Bewertung im vergangenen Jahr aufgrund der Coronavirus-Pandemie um 40 Prozent gefallen ist, hat Starling etwas geschafft, womit viele Fintechs zu kämpfen haben: Das Unternehmen ist eigenen Angaben zufolge seit rund einem Jahr profitabel. Es sei nun auf dem besten Weg, sein erstes volles Jahr mit Gewinn abzuschließen, so die Prognose.

Der Markt wächst

Ein Selbstläufer wird das Banking-as-a-Service-Angebot hierzulande trotzdem nicht. Mit der Solarisbank gibt es auch nach dem Wegfall von Wirecard einen etablierten Player in Deutschland. Der Berliner Anbieter bietet die Infrastruktur für aufstrebende Fintechs wie Tomorrow und Vivid und arbeitet mit gehypten Trading-Apps wie Trade Republic oder Bison zusammen.

Auch die britische Railsbank, die Teile der Wirecard übernommen hatte, hat inzwischen eine Niederlassung in München und plant eine weitere in Berlin. „Wir haben große Pläne für Deutschland, unsere Aktivität in einer der spannendsten Volkswirtschaften Europas soll weiter wachsen“, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. Dazu will es an beiden Standorten weitere Mitarbeiter einstellen, es sucht derzeit noch nach Führungskräften für das Vorhaben.

Boden, die mittelfristig auch Mitarbeiter in Deutschland ansiedeln will, sieht die größte Hürde für den Aufbau des Geschäfts jedoch nicht in der bestehenden Konkurrenz. Vielmehr ginge es darum, potentielle Kunden davon zu überzeugen, dass „Embedded Finance“ ein spannendes Geschäftsfeld ist, schreibt sie auf LinkedIn. Also dieselbe Herausforderung, die sie vor sieben Jahren meistern musste, als sie Starling für Endkunden startete. „Niemand wechselt seine Bank“, sei ihr damals stets zugerufen worden. Und das Gegenteil davon sei nun der Fall.

Besonders den Einzelhandel, der sich seit der Pandemie auf veränderte Einkaufsgewohnheiten einstellen muss, sieht die Gründerin als künftigen Treiber von Embedded Finance – und damit als potentielle Kunden. „Alles rund um den Einkauf kann reibungslos ablaufen, von der Vorbestellung über Apps über eine Reihe von schnellen Zahlungsoptionen bis hin zu sofortigen Rewards, Rabatten und Sonderangeboten, um Treue und Wiederholungskäufe zu fördern“, schreibt sie. Und im Zweifel würden sich Kunden am Ende für den Händler entscheiden, der das bessere Einkaufserlebnis bietet. Der Lieferdienst Gorillas hat beispielsweise eine Kreditkarte auf der Roadmap, wie Finance Forward berichtete.

Der Plan ist also, kurzgesagt, nicht gegen die Konkurrenz zu wachsen, sondern mit dem gesamten Markt. Mit Blick auf den Hype um Embedded Banking ergebe es nur Sinn, auch mitzuspielen, urteilt Lars Markull, Banking-Experte vom Konkurrenten Weavr. „Ich kann mir gut vorstellen, dass sie einen ‘Stripe-Ansatz’ fahren und nicht den Anspruch verfolgen, mit dem Service der Beste am Markt zu sein, aber dass es für eine bestimmte Zielgruppe sehr interessant wird.“ Er erwartet einen besonderen Fokus auf Fintech-Firmen, beispielsweise Unternehmen, mit denen Starling in Großbritannien bereits zusammenarbeitet.

Endkunden aus der EU zu bedienen sei indes zunächst lediglich für Irland geplant, teilt Starling auf Anfrage mit. Für den Rest des Kontinents verweist das Startup, wie schon seit Jahren, auf die Zukunft. Zumindest der erste Schritt soll nun endlich gelingen.

Wir haben mit Lars Markull kürzlich im FinanceFWD-Podcast ausführlich über Embedded Banking gesprochen.

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