Die Maestro-Card wird abgeschafft. (Bild: 30daysreplay Germany on Unsplash)

Aus für Maestro: Das große FAQ zum deutsch-europäischen Payment-Drama

Mastercard wird das Maestro-System in ganz Europa abschaffen – ab Mitte 2023 gibt es keine Karten mehr aus. Wie geht es jetzt weiter?

Wenn wir es richtig verstehen, dann soll die Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien jetzt die deutsche Kreditwirtschaft retten. Oder jedenfalls so ähnlich.

Dazu muss man wissen: Die SK Oberlausitz-Niederschlesien ist nicht nur eine dieser fidelen Ost-Sparkassen mit großem Depot A und kleiner Cost-Income-Ratio – sondern sie war im vergangenen Jahr auch eine der ersten und bis heute sehr wenigen deutsche Sparkassen, die auf das wohlmeinende Angebot der Finanz Informatik (also der Sparkassen-IT) eingingen, die Girocard mit einer sogenannten „Co-Badge“ von Mastercard Debit auszustatten.

Aus Anekdötchen wie diesem wird seitens der deutschen Kreditwirtschaft nun die Erzählung geflochten, dass das mit dem Aus für Maestro doch alles halb so wild sei. Im Gegenteil: Es hört sich fast so einfach an, als könnte der Endkunde die Sache doch gleich selbst in die Hand nehmen: Girocard in den Schraubstock zwängen. Mit dem Spachtel die Maestro-Co-Badge runterspachteln. Ordentlich Ponal drauf. Mastercard-Debit-Co-Badge draufkleben. Zwei Minuten den Daumen draufhalten, dass alles trocken ist. Und fertig! Und wenn dann demnächst EPI kommt, also das „European Payments Initiative“ genannte neue paneuropäische Payment-Scheme? Dann nimmt man halt noch ein bisschen mehr Ponal. Ist doch alles kein Problem!

Jedenfalls: Wie so oft im Leben ist die Wirklichkeit auch in diesem Fall ein bisschen komplizierter als die Erzählung. Beziehungsweise: Sie ist in diesem Fall sogar ungemein vertrackt. Technisch. Strategisch. Politisch. Und überhaupt. Wir wollen nicht behaupten, dass wir alle Verästelungen dieses im Wortsinne epischen Dramas durchblicken. Aber wir geben uns Mühe!

Lesen Sie darum hier, nach bestem Wissen und Gewissen: Unser großes „FAQ“ zum Endgame zwischen Mastercard und der deutschen Kreditwirtschaft:

Warum ist das Maestro-Aus für Deutschland so bedeutsam?

Weil die Auslandsfähigkeit der Girocard am der Maestro-Co-Badge (oder in deutlicher weniger Fällen: an V-Pay von Visa) hängt – und es von den Girocards rund 100 Millionen gibt hierzulande. Sie stecken in >90 Prozent aller deutschen Geldbörsen, haben im stationären Einzelhandel einen Marktanteil von 44 Prozent. Wenn Mastercard das Maestro-System nun nach und nach stilllegt (ab Juli 2023 dürfen keine Maestro-Karten mehr ausgegeben werden), dann ist das ein tiefgreifender Umbruch. Zumal zumindest als wahrscheinlich gilt, dass nun auch Visa perspektivisch V-Pay einstellen wird.

Auf den Punkt: Die hiesige Kreditwirtschaft braucht jetzt konkrete Pläne, wie ihre Girocard-Kunden auch nach 2023 im Ausland bezahlen und Geld abheben können.


Was ist das Kalkül von Mastercard?

Mastercard argumentiert (zu Recht), dass das Maestro-System vor 30 Jahren für eine physische Welt geschaffen wurde und Maestro-Karten nicht durchgängig für Zahlungen im Onlinehandel genutzt werden können. Auch nimmt die Zahl der umlaufenden Maestro-Karten weltweit gesehen seit Jahren ab. Waren vor fünf Jahren noch knapp ein Drittel aller umlaufenden Mastercard-Karten „Maestros“, so waren es zuletzt nur noch 14 Prozent. Dass Maestro abgeschafft wird, lag daher auf der Hand. Was überrascht, das ist, wie schnell jetzt alles geht (siehe unseren Scoop von dieser Woche –>Mastercard schafft Maestro Mitte 2023 ab – in ganz Europa)

Anstelle von Maestro will Mastercard nun die eigenen Debitkarten in die Kartenportfolios der ausgebenden Banken drücken und so perspektivisch Marktanteile gewinnen – speziell auf Kosten der Girocard (siehe u.a. –> Die acht Pricing-Strategien im Kartengeschäft deutscher Banken). Zugleich erhöht Mastercard – womöglich sehr bewusst – den Druck auf die „European Payments Intiative“. Denn EPI ist im Kern nichts anderes als ein Konkurrenz-Scheme zu den Platzhirschen Mastercard und Visa.

Insider halten die Strategie für clever – allerdings ist es auch eine Wette mit hohem Einsatz: Womöglich zerbricht EPI am entstandenen Handlungs- und Investitionsdruck (siehe unsere Exklusiv-Geschichte –> EPI steht auf der Kippe – Spanier und Holländer zögern bei Funding). Oder aber, nicht auszuschließen: Das Maestro-Aus wird zur Initialzündung für EPI. Denn was auf dem Spiel steht, das sollte seit dieser Woche selbst dem letzten Entscheidungsträger klar sein: EPI kommt – oder Mastercard und Visa teilen das Feld endgültig unter sich auf.


Wie sehen die Alternativen zu Maestro aus?

Zumindest jene Banken, die nicht (wie Comdirect, ING, DKB oder N26) eh schon eine Debitkarte von Visa oder Mastercard im Portfolio haben, müssen zwingend reagieren. Folgende Möglichkeiten scheinen rational:

1. Es wird weiterhin die Girocard ausgegeben – allerdings ohne Co-Badge von Mastercard. So behalten Kunden ihre gewohnte Karte, die dann allerdings nur in Deutschland funktioniert. Im unwahrscheinlichen Fall eines langfristigen V-Pay-Fortbestandes könnte V-Pay als Co-Badge eine Ausweichlösung sein.

2. Es wird weiterhin die Girocard ausgegeben – und noch eine zweite Karte für den Auslands- und Online-Einsatz obendrauf. Eben eine Mastercard oder Visa Debit. Diese Lösung erfordert keine Investitionen und stünde sofort zur Verfügung, würde aber auch bedeuten, dass Kunden perspektivisch die Vorzüge der Debitkarten von Mastercard bzw. Visa kennenlernen. Die Girocard könnte ihre „Top of Wallet“-Position verlieren – ein schleichender Bedeutungsverlust wäre die drohende Folge (siehe –> Die Wachstumsstory der Girocard kommt an ihr Ende)

3. Die Co-Badge-Lösung mit Mastercard Debit statt Maestro. Das hieße: Die Girocard behält alle Girocard-Funktionen – und die Mastercard-Debit-Features kämen hinzu, also eine 16-stellige Nummer, Auslands- und Onlinefähigkeit (!) in einer Karte. Eine solche Co-Badge-Lösung gibt es bereits im Sparkassenlager, sie wird allerdings – siehe weiter unten – aus diversen Gründen nur sehr schleppend angenommen.

4. Die „Alles auf EPI“-Strategie. Dafür müssten die Banken aber streng genommen ab spätestens 2023 die Möglichkeit erhalten, eine „EPI-Card“ auszugeben, also sozusagen eine europäische Girocard, die im besten Falle auch noch onlinefähig ist. So würden Europas Banken unabhängig von Mastercard und Visa werden. Die momentan noch bei den Karten-Schemes anfallenden Profite würden in Europa bleiben. Bloß: Geht das so schnell? Zweifel sind angebracht.
5. Als Übergangslösung wäre eine Girocard mit Mastercard-Debit-Co-Bagde denkbar, die dann über die Zeit mit EPI verknüpft würde. Gewissermaßen würde es sich hierbei um ein „Multi-Badge“ handeln – die mit Abstand technisch anspruchsvollste Lösung, die aber den Druck nehmen würde, die EPI-Systeme rasch einzuführen.


Was sagt Visa?

Branchenkenner gehen davon aus, dass Visa früher oder später V-Pay genauso abschaffen wird, wie Mastercard jetzt das Ende von Maestro angekündigt hat. Oder ist alles ganz anders? Wir V-Pay zur Ausweichlösung?

Eine Sprecherin betont die grundsätzliche Verfügbarkeit von V-Pay (und antwortet nicht konkret mit einem Bekenntnis auf Dauer), sagt aber auch: „Wir sehen, dass die kartenausgebenden Banken unterschiedliche Anforderungen haben und bieten daher auch alternative Lösungen an […]. Visa Debit erfüllt das Bedürfnis der Konsumenten nach einer digitalen, multikanalfähigen und weltweit akzeptierten Zahlungsmethode. Daher wechseln mehr und mehr Finanzinstitute zu diesem Produkt.“

Man darf das als Hinweis lesen, dass die Zukunft eher nicht dem V-Pay-System gehört.


Was sagt die deutsche Kreditwirtschaft?

Die Bankenverbände geben sich zugeknöpft dieser Tage. Am weitesten lehnt sich der DSGV aus dem Fester, der sich zugute hält, frühzeitig auf ein mögliches Maestro-Aus vorbereitet gewesen zu sein:

„Die Sparkassen-Finanzgruppe hat dies frühzeitig für eine Weiterentwicklung genutzt und mit der Kombination[…] von Girocard sowie Debit Mastercard eine neue Generation der Sparkassen-Card geschaffen, die den Instituten der Sparkassen-Finanzgruppe bereits zur Ausgabe und als mögliches Nachfolgeprodukt zur Verfügung steht“.

Es ist, sozusagen, das (siehe oben) „Oberschlesien-Niederlausitz“-Argument. Doch wie stichhaltig ist es? Warum haben die Privatbanken und die Genobanken noch immer nichts Vergleichbares im Angebot? Und warum gibt es noch immer keine Co-Badge-Lösung mit einer Visa-Debit?


Wo sind die Haken der Co-Badge-Lösung mit Debit?

Zu den Zahlen: Erst 19 von 376 Sparkassen bieten die Girocard mit Mastercard-Debit-Co-Badge an. Und das mehr als ein Jahr nach der Einführung (zur Erinnerung: Es war März 2020, als wir das erste Mal über die Launch-Pläne berichteten –> Sparkassen koppeln Girocard an Mastercard Debit) …

Was ist da los?

Die zögerliche Annahme hat Gründe, denn laut Finanz-Szene.de-Recherchen ist das Co-Badging ein technischer Husarenritt und stellt für die Banken eine Doppelbelastung dar. Angeblich soll die Prozessabwicklung sogar aber von unterschiedlichen Dienstleistern kommen und erfordere unterschiedliches und damit aufwändigeres Risikomanagement, heißt es aus dem Markt – eine Information, die allerdings in Sparkassen-Kreisen dementiert wird. Dort wird betont, die „Finanz Informatik“ wickele alle Transaktionen der Co-Badge-Karte ab. Dass die Karte nur zögerlich angenommen werde, habe vielmehr damit zu tun, dass sie wie ein Neuprodukt zu behandeln sei, also gewisser Vorbereitungen bedarf (womit, siehe unten, unter anderem die rechtlichen Hintergründe gemeint sein dürften nach dem für Banken fatalen BGH-Gebührenurteil …).

Fest steht in jedem Fall: Viel simpler ist es für Sparkassen schon heute, Kunden separat eine Girocard und parallel eine echte (und obendrein lukrative) Kreditkarten auszugeben.

Will man ab Juli 2023 konsequent Co-Badge-Karten emittieren,  würden dies laut Insidern eine erhebliche Beschleunigung der Kartenentwicklung erfordern. Zum Beispiel in Bezug auf die zugehörigen Sicherungs- und Risikomanagement-Verfahren. Viel Arbeit für die mit der Abwicklung befassten, sektoreigenen Dienstleister, also etwa für den Bank-Verlag bei den privaten Banken oder für den Sparkassen-Verlag innerhalb der Sparkassen-Sektors. Ob dies technisch und logistisch überhaupt machbar ist binnen eineinhalb Jahren? Ausgeschlossen sei dies nicht, sagen Kenner. Aber schwierig allemal.

Zumal…

Was hat das BGH-Urteil mit alldem zu tun?

… Zumal den Banken dann auch noch im April das BGH-Urteil zur sogenannten Zustimmungsfiktion dazwischen kam (zu den Hintergründen siehe –> Unser Themen-Dossier zum BGH-Gebührenurteil).

Auch an diesem Punkt fließen die Informationen und Eingeständnisse aus der Kreditwirtschaft spärlich. Experten allerdings vermuten: Auch für einen automatischen Wechsel von Maestro bzw V-Pay hin zu einem Co-Badge-System mit Debit wäre möglicherweise eine aktive Zustimmung der Kunden nötig – ein Umstand, der die ganze Operation logistisch und juristisch erschweren würde. Hintergrund: Die Online-Fähigkeit (genauer: „Fernabsatzfähigkeit“) der Girocard/Maestro-Lösungen wurde bankseitig in der Regel bewusst unterbunden, nur ganz wenige „Maestros“ sind „echte“ Maestro-Karten, die über ihre Codierung überhaupt online genutzt werden können.

Ist aber eine „neue“ Girocard auch über ihre Debitkarten-Co-Badge-Funktion online nutzbar, so müssen Kunden dieser „Fernabsatzfähigkeit“ mutmaßlich aktiv zustimmen. Gleiches könnte für den Fall gelten, dass die Karten neu bepreist werden. Keine unüberwindbare Hürde. Aber eben erneut: viel, viel Arbeit.

Was bedeutet das Maestro-Aus für die „European Payments Initiative“?

Das Maestro-Ais zwingt alle Beteiligten zu einer raschen Entscheidung. Die Banken müssen jetzt ihre Zukunft für die Post-Maestro-Zeit (und mutmaßlich auch die Post-V-Pay-Zeit) planen. Einige Institute haben dies, incentiviert durch Mastercard und Visa, bereits getan und die entsprechenden Debitkarten in ihr Karten-Portfolio aufgenommen oder gar zum „Top of Wallet“-Produkt gemacht.

In den Banken wird man sich fragen: Ist EPI eine Alternative, auf die es sich zu warten lohnt? Oder geht man den sicheren Weg und setzt auf die Debit-Lösungen von Mastercard und Visa? Aus der Perspektive der einzelnen Bank erscheint es eher kontraintuitiv, den Aufwand einer Umstellung gleich zweimal zu gehen, also einmal hin zu einer Post-Maestro-Lösung mit Visa und Mastercard, dann noch einmal hin zu einem EPI-System.

Warum zweifeln die Niederlande und Spanien (und Polen) an EPI?

Der Aufbau eines „EPI“-Systems wird kurzfristig viel Geld erfordern – vermutlich deutlich mehr als die 1,5 Milliarden Euro, die laut Finanz-Szene-Informationen momentan für die initiale Funding-Runde aufgerufen werden. Bis sich diese Investitionen amortisieren, wird es selbst im Erfolgsfall Jahre dauern. Kapital ist aber bei Europas Banken notorisch knapp. Man kennt die Stichworte: Strukturelle Ertragskrise. Regulatorische Mindestanforderungen. Nach Dividenden gierende Aktionäre. Und das Management ist in der Regel darauf gepolt, kurzfristig Kosten im Griff zu haben.

Konkret: Wenn Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing in so einer Gemengelage eine hohe zweistellige oder gar überschaubare dreistellige Millionensumme für EPI freigibt, wird er dafür gute Argumente brauchen.

Zudem sind die Interessen innerhalb des EPI-Konsortiums (das aus 33 Finanzdienstleistern aus sieben Ländern besteht) unterschiedlich. Laut Finanz-Szene-Informationen tun sich speziell die spanischen und niederländischen Banken schwer, beim initialen EPI-Funding mitzuziehen (die Gründe dafür haben wir hier detailliert aufgedröselt, bitte in den unteren Teil des Artikels scrollen). Während sich die deutschen Banken von der „European Payments Initiative“ vor allem einen Schub bei E-Commerce-Zahlungen erhoffen (weil die Marktstellung der heimischen Paydirekt-Lösung viel zu schwach ist), gibt es in den Niederlanden („iDEAL“), Spanien („Bizum“) und übrigens auch Polen („Blink“) starke bankeneigene Lösungen. „Blink“ zum Beispiel hat laut letzten veröffentlichten Zahlen 5,5 Mio. aktive Nutzer und angeblich den stärksten relativen Marktanteil aller Online-Bezahl-Anbieter im polnischen Markt überhaupt.

Das könnte erklären, warum in diesen Ländern der Mehrwert von EPI stärker hinterfragt wird als in Deutschland.

Ist die Girocard wirklich so anachronistisch?

Das hängt von der zeitlichen Perspektive ab: Auf lange Sicht wird sich die Girocard schwertun (siehe –> Die Wachstumsstory der Girocard kommt an ihr Ende). Ihre starke Verbreitung aber ist ein Pfund, mit dem die deutsche Kreditwirtschaft noch das ein oder andere Jahr wird wuchern könne. Zumal viele Akzeptanzstellen – gerade wegen kreativ umgangener Interchange-Deckelung – keinerlei Interesse haben, von Mastercard und Visa erpressbar zu werden. Und Wettbewerb ist vor allem dann sichergestellt, wenn die Händler auf einen Gegenpol zum Visa/Mastercard-Duopol zurückgreifen können.

Was passiert, wenn EPI nicht finanziert wird?

Dann ist die Idee eines paneuropäischen Payment-Schemes tot. Womöglich für alle Zeiten. Mastercard und Visa hätten gewonnen. Wobei: Kann gut sein, dass dann der nächste Akt im europäischen Payment-Drama beginnt und die EU-Wettbewerbshüter auf den Plan treten.

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