Sie erwarten ein schwieriges Jahr für Fintech-Neugründungen: (von links) Philipp Blankenagel, VP Communications & Marketing Solarisbank (Foto: Max Threlfall), Olaf Johannsen, Partner Financial Advisory bei Deloitte (Foto: Deloitte), Enrique Martinez Hausmann, Investment Analyst Speedinvest (Foto: Speedinvest), Holger Schmidt, Netzökonom (Foto: Holger Schmidt), Konstantin Werhahn, CPO Bitwala (Foto: Bitwala), und Andreas Winiarski, Venture Partner Earlybird Venture Capital (Foto: Earlybird) – Montage: OMR

„Das Klima wird rauer“: Wie sechs Experten die Perspektiven der Fintech-Branche für das Jahr 2019 sehen

Wie wird sich die Finanz- und Banking-Welt im Jahr 2019 entwickeln? Um das herauszufinden, hat FinanceForward nicht in die Glaskugel geschaut, sondern sechs Experten um ihre Einschätzung gebeten. Sie erwarten vor allem, dass Neugründungen es schwerer haben werden.

Es wird wohl eher ein schwieriges Jahr für die rund 300 Fintechs, die es aktuell in Deutschland gibt (Germany‘s FinTech Landscape, EY). Das jedenfalls ist eines der Ergebnisse unserer Umfrage unter den Experten. „Aufgrund der sich eintrübenden Konjunktur fließt weniger Geld in den Markt. Etablierte Unternehmen überdenken Investitionen. Das Klima wird rauer“, sagt etwa Netzökonom Holger Schmidt. So sieht das auch Konstantin Werhahn, Chief Product Officer des Blockchain-Konto-Anbieters Bitwala. „Für die Finanzbranche wird es ein schweres Jahr, da die Märkte möglicherweise kippen könnten und eine Rezession eintritt.“ Enrique Martinez Hausmann, Investment Analyst bei Speedinvest, erwartet gar eine Konsolidierung auf dem europäischen Markt.

Open Banking und Artificial Intelligence

Wir haben die Umfrageteilnehmer gefragt, welche der folgenden Trends Ihrer Meinung nach 2019 an Bedeutung gewinnen werden. Dabei gab es zwei klare Favoriten: Alle sechs Befragten sind überzeugt, dass Künstliche Intelligenz und Open Banking 2019 wichtiger werden. Open Banking, also die Öffnung der Banken gegenüber Drittanbietern, halten viele für eine der strategisch wichtigsten Veränderungen im Bankwesen der vergangenen Jahre, denn mit der Umsetzung der europäischen Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 müssen Geldhäuser nun auch Drittanbietern Zugriff auf Konten und Daten ihrer Kunden ermöglichen.

Die Großen werden größer

2018 ist deutlich mehr Geld in den hiesigen Fintech-Sektor geflossen als im Jahr zuvor. Die Berater von EY haben ermittelt, dass das Volumen um 25 Prozent auf 676 Millionen Euro gewachsen ist. Philipp Blankenagel, VP Marketing der Solarisbank, erwartet 2019 weiterhin hohe Finanzierungen, „wobei der Trend bestehen bleibt, dass einige wenige der etablierten Fintechs hohe Investitionsrunde abschließen können, während Investitionen in Frühphasen-Startups abnehmen“.

Netzökonom Schmidt stimmt dem zu: „Das Interesse an Marktführern wächst, aber Neugründungen haben es schwerer“, sagt er. Andreas Winiarski, Venture Partner bei Earlybird Venture Capital (unter anderem investiert in N26), schätzt das ähnlich ein: „Ich denke, dass sich die bereits erfolgreichen Player im Markt noch weiter etablieren werden, aber nicht viele neue Marktteilnehmer hinzukommen. Dies liegt primär am teilweise schon ausgeschöpften Potenzial, aber auch am schweren Markteintritt.“ Im Gegensatz zu den anderen Experten erwartet Hausmann von Speedinvest ein gutes Jahr für die Branche: „gute Exits und große Runden, vielleicht in geringer Anzahl“, lautet seine Prognose.

Mehr branchenfremde Mitspieler

Die Beratungsgesellschaft Deloitte sieht Anzeichen dafür, dass branchenfremde globale Player einen neuen Anlauf im Fintech Business starten werden. Amazon, Google, Apple, alle bieten inzwischen eigene Bezahlsysteme an. So sieht es auch Blankenagel von der Solarisbank: „Big Techs dringen stärker in den Finanzbereich vor“, sagt er. Banking as a Service sei 2019 bereits ein etabliertes Geschäftsmodell und die Anbieter (wie die Solarisbank selbst, Anm. d. Red.) würden inzwischen von Big Techs als vertrauenswürdige Partner zur Integration von Finanzdienstleistungen in ihr Angebot wahrgenommen. „Nach vorsichtigem Herantasten der Big Techs an Financial Services in den vergangenen Jahren könnte das Vertrauen in BaaS-Anbieter sowie die Öffnung der Finanzwelt durch Open Banking und PSD II im Jahr 2019 zum Durchbruch für Big Techs im Banking führen“, meint Blankenagel.

Mit dem Aufsteigen von neuen Payment Services wie Apple Pay und Google Pay werde Mobile Payment im laufenden Jahr zu einem wichtigen Trend, ist Winiarski überzeugt. Und Netzökonom Schmidt sagt: „Apple Pay bringt den Durchbruch für Online-Payment.“

Neue Investoren werden angelockt

Konstantin Werhahn ist überzeugt, dass Fintechs in diesem Jahr „ihre Muskeln spielen lassen“ werden. „Die ersten Unicorns werden die Sogwirkung verstärken und mehr Venture Capital anziehen“, sagt er.  „Gerade im konservativen Deutschland ist nun auch bei dem Letzten angekommen, dass sich die Kunden weiterentwickelt haben und mehr und mehr auf zeitgemäße Produkte abwandern.“

Deloitte erwartet, dass Investoren (insbesondere Private Equity), die bislang wenig im Bereich Financial Services investiert sind, zunehmend auch im Fintech Business aktiv werden, was die Bewertungen der Fintechs weiter in die Höhe treiben könnte. „Der Markt wird sich weiter differenzieren und Fintechs selber werden zunehmend anorganische Wachstumsstrategien forcieren, um ihre Geschäftsmodelle zu stärken und zu skalieren“, sagt Olaf Johannsen, Partner Financial Advisory bei Deloitte. „Wir sehen zudem deutlich ansteigende Bewertungen, die in Teilen nur bedingt durch die Geschäftsmodelle beziehungsweise den Entwicklungsstand gerechtfertigt sind.“ Außerdem geht Johannsen davon aus, dass auch Banken, die bisher vor allem auf Partnering mit den neuen Spielern am Markt gesetzt haben, mehr und mehr zu direkten Investitionen in Fintechs übergehen, um ihre interne Expertise weiter aufzubauen.

Das erwartet auch Hausmann von Speedinvest, der mehr Venture Capital von Incumbents in Fintechs fließen sieht.