Grün und Finanzwelt, das geht zusammen (Bild: Gabriel Crismariu/Unsplash)

Die Evolution der Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit hat sich in der Finanzindustrie etabliert. Schon aus finanziellen Gründen haben Banken ein hohes Interesse an der Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien. Dirk Elsner erklärt, warum nur noch über das Wie diskutiert wird.

Wir Menschen, das haben Hirnforscher herausgefunden, unterschätzen die negativen Folgen unseres Handelns umso stärker, je weiter die Handlungsfolgen in der Zukunft liegen. Der neurologische Reizreaktionsmechanismus unseres Gehirns ist nicht ausgelegt auf lange Zeithorizonte. Je weiter Belohnungseffekte in Form von Dopaminausschüttungen in der Zukunft liegen, desto geringer sind die eigenen Impulse zu handeln. Vielleicht ist das ein Grund, warum vielen Menschen nachhaltiges Handeln noch so schwerfällt.

Erst in den letzten Jahren ist es mit massiver Unterstützung der Wissenschaft gelungen, die Bedeutung von Klimakrise und Artensterben zu erfassen. Gestützt wird dies unter anderem durch die visuelle Wahrnehmung von Umweltkatastrophen, die sich intensiver einprägen als wissenschaftliche Zahlenkolonnen über die Erderwärmung. In unserem Gehirn tricksen wir den Mangel an Voraussicht aus, denn wenn wir heute sozial anerkannte Dinge tun, schüttet unser Gehirn ebenfalls Belohnungsstoffe aus.

Das Engagement in Bewegungen wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion erhöht die soziale Anerkennung der Mitglieder in ihren Gruppen. Es sind die gleichen neurobiologischen Wirkungsprinzipien, die soziale Netzwerke zum Glühen bringen und mit denen viele Menschen nach Anerkennung über Likes und Wahrnehmung suchen. Der gesellschaftliche Wandel hat dazu geführt, dass wir uns durch nachhaltiges Verhalten auch kurzfristig selbst belohnen – über den Umweg der sozialen Anerkennung.

Nachhaltigkeit ist im Finanzwesen angekommen

Kein Wunder also, dass sich die Evolution der Nachhaltigkeit ebenfalls im Finanzwesen bemerkbar macht, auch wenn die inflationäre Verwendung des Nachhaltigkeitsbegriffs ihn zeitweise zu einer Worthülse und Werbefloskel degeneriert. Vielleicht, weil Finanzmärkte komplizierte Begriffe mögen, verwendet man hier statt Nachhaltigkeit gern den sperrigen Begriff „Environmental Social Governance“, abgekürzt ESG. Laut dem Lexikon der Nachhaltigkeit ist die Bezeichnung in der internationalen Finanzwelt mittlerweile etabliert, „um auszudrücken, ob und wie bei Entscheidungen von Unternehmen und der unternehmerischen Praxis sowie bei Firmenanalysen von Finanzdienstleistern ökologische und sozial-gesellschaftliche Aspekte sowie die Art der Unternehmensführung beachtet beziehungsweise bewertet werden“.

Banken beschäftigen sich bereits seit vielen Jahren mit ESG. Das hat mehrere Gründe, die es für Finanzhäuser auch aus ökonomischer Sicht notwendig machen, das Thema Nachhaltigkeit ernst zu nehmen.

So erfordert die Vermögensverwaltung insbesondere für institutionelle Kunden, dass ökologische, soziale und Governance-Aspekte in den Investitionsprozess einbezogen werden. Nach einer Umfrage der Schweizer Großbank UBS unter 600 Investoren mit einem Gesamtvermögen von über 19 Billionen Euro ziehen bereits 78 Prozent der professionellen Anleger Nachhaltigkeitsfaktoren in ihren Anlageprozess mit ein. Nach einer Darstellung des Handelsblatts betrug der Marktwert „grüner Anleihen“ in der EU 2013 nur 0,7 Mrd. Euro, Ende 2018 sollen es bereits 72,9 Mrd. Euro gewesen sein. Die Bundesbank hält aber in ihrem Monatsbericht für Oktober fest, dass trotz starken Marktwachstums nachhaltige Geldanlagen insgesamt bislang nur eine geringe Rolle spielen. Demnach betrage der Anteil nachhaltiger Geldanlagen am Gesamtmarkt weniger als drei Prozent.

Nachhaltige Investments performen besser

Die auf ESG-Anlagen setzenden Investoren erwarten nicht nur Gutes zu tun, sondern können damit auch ökonomisch besser abschneiden. Vergleicht man dazu beispielhaft den Aktienindex MSCI World mit dem MSCI World SRI Index, dann stellt man fest, dass der Nachhaltigkeitsindex (der Zusatz SRI steht für „Sustainable and Responsible Investment“) besser als der herkömmliche Index abschneidet (siehe dazu das Datenmaterial von MSCI selbst).

Bei einigen großen institutionellen Anlegern steht das Thema Nachhaltigkeit daher schon lange auf dem Programm. Sie entwickeln umfangreiche Kriterien, um die Nachhaltigkeit von Finanzanlagen beurteilen zu können. Die Frage nach der inhaltlichen Konkretisierung des schwammigen Nachhaltigkeitsbegriffes ist nämlich in der Praxis alles andere als trivial. Denn nur, wenn Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung mit operativ messbaren Kriterien unterlegt werden können, lassen sich diese Kriterien für Anlageentscheidungen einsetzen. Die bundeseigene KfW etwa nennt in einer Übersicht insgesamt 20 Kriterien für die Felder Umwelt, Soziales und Governance.

Finanzmärkte wollen Nachhaltigkeit messen

Wollen Banken und Vermögensverwalter diese anspruchsvollen Kunden bedienen, dann müssen sie diese mit entsprechendem Datenmaterial unterstützen. Hier hat sich in den letzten Jahren eine Datenindustrie rund um das verantwortungsvolle Investieren gebildet. Zu den ältesten Anbietern gehört etwa die 1998 gegründete und in Zürich sitzende RepRisk AG. Die Gesellschaft durchforstet öffentlich zugängliche Informationen über Unternehmen nach bestimmten ESG-Kriterien, strukturiert diese Informationen und bietet einen Datenfeed an. Laut eigener Darstellung gehören neben zahlreichen internationalen Großbanken, Versicherungen und Asset Managern auch der norwegische Staatsfonds zu den Kunden.

Ein weiterer Anbieter ist Arabesque, die mit S-Ray ein AI-Tool entwickelt hat, das mit Hilfe selbstlernender quantitativer Modelle und Datenindikatoren die Nachhaltigkeitsperformance von etwa 7.000 der weltweit größten börsennotierten Unternehmen analysiert. Allianz X, Commerz Real, DWS und das Land Hessen haben sich im Sommer an der Arabesque S-Ray GmbH beteiligt.

Aber mittlerweile legen nicht nur die Investoren Wert darauf, ihre Gelder dorthin zu geben, wo verantwortungsbewusst gehandelt wird. Wie ich im Innovation Lab der DZ Bank, für die ich arbeite, gelernt habe, legen auch immer mehr Geldnehmer bei der Auswahl ihrer Investoren Wert darauf, dass die Investoren ebenfalls bestimmte Nachhaltigkeitskriterien erfüllen.

Reduktion von Reputations- und Kreditrisiken

Aber mit Nachhaltigkeit lässt sich nicht nur Geld verdienen, sondern auch Risiken reduzieren und damit Kosten sparen. Investitionen oder Kredite in Objekte, die ökologische und sozial-gesellschaftliche Aspekte ignorieren, werden zunehmend zu einem Investitions- und Reputationsrisiko. Oliver Patzsch schreibt dazu in einem Blogeintrag der Umweltbank:

„Am offensichtlichsten sind die aus dem Klimawandel resultierenden physischen Risiken. Hierzu gehören beispielsweise Schäden an Gebäuden oder Anlagen durch Extremwetterereignisse. Ebenfalls konnten wir während der Dürre im Sommer 2018 beobachten, wie veränderte Niederschlagsmuster sich direkt auf die Ertragsfähigkeit der Landwirtschaft auswirken.“

Zudem werden Umweltschäden, die von unbeteiligten Dritten zugefügt werden, immer besser den Verursachern zugeordnet. Man denke nur an die sogenannten Emissionszertifikate. Sie sollen der früher „kostenlosen“ CO2-Freisetzung von Unternehmen einen Preis geben und damit die Produktionskosten erhöhen und Anreize schaffen, den CO2-Verbrauch zu reduzieren. Ökonomen sprechen hier von der Internalisierung externer Effekte. Darunter versteht man die direkten oder indirekten Wirkungen wirtschaftlicher Handlungen gegenüber unbeteiligten Dritten ohne eine Gegenleistung. So sind in der Vergangenheit Kosten für die Umweltverschmutzung nicht in die Produktkalkulation eingeflossen. Kein seriös kalkulierender Geldgeber kann es sich heute leisten, solche Risiken nicht zu berücksichtigen. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin hat dazu ein Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken herausgegeben.

EU-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums

Für zusätzliche Betriebsamkeit in den Finanzhäusern sorgt derzeit ein EU-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums. Darunter befindet sich auch eine neue EU-Verordnung über die Offenlegung von Informationen über nachhaltige Investitionen und Nachhaltigkeitsrisiken. Mit dieser Verordnung werden Vorschriften festgelegt, die von Finanzmarktteilnehmern Transparenz einfordern. Kernstück des Aktionsplans soll eine einheitliche Taxonomie (also konsistente Klassifizierung nachhaltiger wirtschaftlicher Aktivitäten) werden. Nach Darstellung der Bundesbank könne diese Taxonomie Anwendung bei der geplanten Einführung von Nachhaltigkeitslabels für Finanzprodukte und bei der EU-Norm für grüne Anleihen bilden.

Die bisherigen Ausführungen zeigen, dass Finanzhäuser schon aus finanziellen Gründen ein hohes Interesse an einer umfassenden Berücksichtigung von ESG haben sollten. Ökologie und Ökonomie sind also längst nicht mehr voneinander getrennt oder gar gegenläufig. Nach Feststellung der Bundesbank wird in der Finanzbranche keine Diskussion mehr darüber geführt, ob diese nachhaltige Risiken zu berücksichtigen sind, sondern nur noch wie.

Dieser Artikel ist zuerst auf Capital.de erschienen.

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