Die Netflix-Serie „King of Stocks“ parodiert den Wirtschaftsskandal um Wirecard (Bild: Netflix)

„Auch Jan Marsalek hätte Tränen gelacht“ – Wirecard-Aufklärer über Netflixserie „King of Stonks“

Eine Satireserie über den Wirecard-Skandal, die unter Düsseldorfer Business-Prolls spielt, riskiert wie beim Karneval lausige Gags abzufeuern. Doch ich habe die Netflix-Serie „King of Stocks“ unterschätzt, kommentiert der ehemalige Abgeordnete und Wirecard-Aufklärer Fabio De Masi. Die Rezension eines Insiders.

Wie oft habe ich mich während meiner Arbeit im Wirecard-Untersuchungsausschuss zu meinen Sitznachbarn gedreht und gesagt: „Das ist irrer als jedes Drehbuch!“ Als ich nun die Netflixserie „King of Stonks“ schaute, muss ich gestehen. Ich sagte oft zu mir selbst: „Aber genau so war es!“

King of Stonks ist eine bitterböse Parodie auf die naive Massenhysterie, die entsteht, wenn das biedere Fernsehformat „Börse vor acht“ auf neureiche Internet-Kapitalisten trifft. King of Stonks fühlt sich an wie ein Livestream mit den überdrehten Charakteren unserer Zeit, etwa Frank Thelen, Dorothee Bär, Elon Musk und Jan Marsalek, dem Wolf of E-Wall Street.

Da wäre der enthemmte Serien-CEO Magnus Kramer, der brillant von Matthias Brandt mit einem übertriebenen Veneer (Zahnleiste) gespielt wird. Der frühere Wirecard-CEO Markus Braun dient als Vorbild. Braun ist im realen Leben gleichwohl eher bieder. In einer Szene steht Kramer in einem absurden Kostüm eines Düsseldorfer Karnevalsprinzen vor seiner Frau und betont: Er sei doch kein abgehobener Sonnenkönig, der jeden Kontakt zur Realität verloren habe.

Umsätze erfinden

In King of Stonks ist sein COO, Felix Armand, derjenige, der für Kramer immer die Kohlen aus dem Feuer holt, weil sich dieser nur für den schönen Schein und den Börsenkurs, nicht aber für die Probleme der Firma interessiert. Armand, der den früheren Wirecard-COO Jan Marsalek verkörpert, versucht einmal Kramer die dramatische Situation der Firma zu verdeutlichen, weil das zähe Geschäft mit der Zahlungsabwicklung nicht genug abwirft. Dieser sagt ihm im Vorbeigehen nur: Dann solle er eben Umsätze erfinden.

Damit fasst „King of Stonks“ fast beiläufig zusammen, worum sich das gesamte Gerichtsverfahren gegen Markus Braun dreht. Braun versucht sich als Opfer von Marsalek darzustellen, der echte Umsätze von Wirecard hinter seinem Rücken veruntreut hätte.

Die Anklage der Staatsanwaltschaft München und der Bericht des Wirecard-Insolvenzverwalters wiederum basieren darauf, dass die Umsätze überwiegend frei erfunden waren, da es nach der Pleite des Münchner Unternehmens keine einzige Kundenbeschwerde bei den Drittpartnerfirmen von Wirecard gab, mit denen die Bilanzen aufgebläht wurden. Und Braun als CEO hätte davon wissen müssen. Zumal er selbst dann noch Zahlungen an fiktive Drittpartnerfirmen, über die Marsalek und Co. Gelder abgezweigt haben, frei zeichnete, als er gewarnt wurde, dass dies die letzte Liquidität im Unternehmen sei.

Die Satireserie löst diesen Konflikt hervorragend auf: Das fiktive Fintech-Unternehmen Cable Cash erfindet einerseits Umsätze, um das Schneeballsystem mit Investorengeldern am Leben zu halten, wäscht aber andererseits auch kriminelles Geld. Und die Mafia wird natürlich bei keiner Hotline anrufen und ihr Geld am Ende auch immer erhalten haben.

Kramer interessieren die Details nicht, weil er weiß, dass er sonst mit einem Bein im Gefängnis steht. Er verhindert, dass Armand gleichberechtigter CEO wird und stellt dessen Loyalität auf eine harte Probe, als er etwa in einer Szene, in der die Polizei in die Firmenzentrale einrückt, auf den COO verweist und sinngemäß sagt: „Ich bin nur der CEO. Für das operative Geschäft ist der COO zuständig.“

„Illusionsfabrik Wirecard“

Der CEO hat mit großspurigen Gewinnprognosen den Börsengang vorbereitet und Armand sitzt zudem die italienische Mafia im Rücken, weil eine Patriarchin aus Bergamo zeitweise nicht mehr an ihr Geld kommt. Zuvor hatte der COO Armand bereits Kramer das Leben gerettet, als dieser geknebelt von der Mafia entführt wurde. Armand ist mit rhetorischem Talent gesegnet, mit dem er als Einflüsterer von Kramer auch regelmäßig dessen unkontrollierte öffentlichen Auftritten rettet, sie von den Vorzügen des bargeldlosen Zahlungsverkehrs und einer eigenen Bank, überzeugt. King of Stonks ist daher auch eine Verhöhnung des Opfer-Mythos von Herrn Braun.

In einer Szene, in der die beiden Firmenlenker im Privatjet zum „Global Economic Forum“ nach Genf fliegen und Armand seinen Neffen mitschleppen muss, kritisiert dieser stellvertretend für die Generation „Fridays for Future“ das Transportmittel mit der Bemerkung selbst Chinesen würden mittlerweile mit dem Zug anreisen. Er versucht dann Kramer später damit zu provozieren, dass seine Twitter-Heldin, eine junge antikapitalistische Ikone, mehr Follower als Kramer in den sozialen Medien habe. Daraufhin fährt der CEO direkt in die Menge der Protestierenden in Genf, um einen Eklat zu provozieren und verbreitet das Video in den sozialen Medien, um seine Reichweite zu erhöhen. Diese Reichweite nutzt er zukünftig, um den Börsenkurs zu treiben und negative Berichterstattung zu seinem Unternehmen zu übertönen.

Dies ist eine geniale Anspielung auf die oftmals oberflächlichen Empörungswellen in sozialen Netzwerken und die neue Macht des Schwarms auf dem Börsenparkett durch Neobroker wie Trade Republic oder Phänomene wie dem digitalen Flash Mob um die Gamestop-Aktie. Es ist auch wieder einmal hart an der Realität: Markus Braun kontrollierte penibel den Twitter-Account von Wirecard und wollte immer wieder neue kurzfristige Erfolgsmeldungen für die Kapitalmärkte produzieren, um die „Illusionsfabrik Wirecard“ am Laufen zu halten.

Jan Marsalek mit emotionaler Tiefe

Auch das Verhältnis von Startup-Hype und überforderten Politikern wird gekonnt aufgespießt. Da wäre die Szene, in der Armand Probleme mit der Digitalministerin fürchtet, die dem Unternehmen Cable Cash einen großen Auftrag gewähren soll. Denn die Geschäftspartner von Cable Cash, zwei junge Betreiber der Porno-Plattform „Banana Milf“, haben mit einem Double der Ministerin einen Pornoclip veröffentlicht, der im Netz hohe Wellen schlägt, da der Hausmeister dafür das Büro der Ministerin zur Verfügung stellte. Die Digitalministerin scheint sich daran aber gar nicht zu stören, weil sie prinzipiell immer gut findet, Thema im Netz zu sein. Wer die Minister-Tätigkeit von Andreas Scheuer und Dorothee Bär verfolgt hat, weiß wie schmerzfrei diese zuweilen als Internet-Phänomen waren.

In weiteren Rollen treten zudem ein kritischer Journalist, dem niemand glaubt, ein durchgeknallter Thai-Klaus mit Schamanenritualen für das Asiengeschäft, ein korrupter Wirtschaftsprüfer, eine Leerverkäuferin (die Künstlerin Lary oder Larissa Sirah Herden), in die sich Armand verliebt, ein Geheimdienst-Mann, der dem Fluchthelfer von Marsalek, dem einstigen österreichischen Verfassungsschützer Martin Weiss verblüffend ähnelt, und die verhasste Konkurrenz von der Deutschen Bank (O-Ton Armand: „Die mit dem Nazi-Geld!“) auf.

King of Stonks ist sehenswert, auch wenn sich die Serie der Macher von „How to Sell Drugs Online (Fast)“ hier und dort hätte straffen lassen. Ich bin mir jedoch sicher: Auch Jan Marsalek hätte Tränen gelacht. Gerade Armand, beziehungsweise Marsalek, mit emotionaler Tiefe zu zeichnen, war eine richtige Entscheidung für die Serie. Denn so durchkreuzt King of Stonks die bequeme Erzählung, auf die sich Politik, Markus Braun, Finanzaufsicht, Wirtschaftsprüfer und Sicherheitsbehörden schnell einigten, dass Marsalek der böse Bube war und alle anderen nur Opfer!

Die Satire ist kein Ersatz für eine ernsthafte Befassung mit den Abgründen und Staatsgeheimnissen des Wirecard-Skandals, aber sie ist zuweilen so nah an der Realität, dass es wehtut.


Transparenz-Hinweis: Fabio De Masi berät nebenberuflich eine konkurrierende TV-Produktion über den Wirecard-Skandal.

Fabio De Masi war Mitglied des Deutschen Bundestages sowie des Europäischen Parlaments und machte sich dort bei der Aufklärung von Finanzskandalen – etwa um den Zahlungsdienstleister Wirecard – einen Namen. Der Finanzdetektiv wird zukünftig einmal im Monat Entwicklungen aus der „neuen Finanzwelt“ für Finance Forward kommentieren. Der Ökonom ist Fellow für digitale Finanzmärkte bei der Nichtregierungsorganisation Finanzwende und am Financial Innovation Hub der Universität Kapstadt (Südafrika). Er schreibt in seiner persönlichen Eigenschaft.

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