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Adyen hat’s vorgemacht: 2018 könnte ein IPO-Rekordjahr für Europas Fintechs werden

Sah es vor einigen Monaten noch so aus, als wäre die Party vorbei, könnte 2018 sich als extrem erfolgreich für Europas Fintechs entpuppen – wenn auch nicht für alle.

Seit dem IPO kennt Adyens Aktie nur einen Weg: nach oben. Und erst vor wenigen Tagen kündigte Funding Circle seinen Börsengang an. Tatsächlich haben nach den Zahlen von Pitchbook in diesem Jahr sieben aufstrebende Finanzunternehmen in Europa einen Börsengang angekündigt oder bereits abgeschlossen. Nicht die einzigen Anzeichen, dass die neue Finanzbranche es an den Börsen ernst meint: Wirecard hat mit der Commerzbank die zweitgrößte Bank des Landes aus dem DAX 30-Index verdrängt. Zudem muss die Deutsche Bank in diesem Monat den europäischen Leitindex EuroStoxx 50 verlassen. Das sollte nicht verwundern, ist doch die Marktkapitalisierung der Frankfurter von 20,4 Milliarden Euro (23,7 Milliarden Dollar) nicht viel höher als die von Adyen (18,7 Milliarden Euro).

Payment-Anbieter weit vorne, Kreditplattformen müssen sich noch beweisen

Doch nicht jedes schnellwachsende Fintech in Europa scheint es so eilig zu haben, öffentlich gelistet zu werden: Im April erklärte CEO Nikolay Storonsky, dass ein Börsengang für Revolut noch etliche Jahre entfernt sei. Gemessen daran, dass ein Fintech im Durchschnitt rund 4,25 Jahre von der Gründung zum IPO benötigt, bleibt der Challenger-Bank mit Sitz in London aber auch nicht mehr allzu viel Zeit. Als Hauptgrund gegen einen Börsengang führen Startups die enormen Kosten und den Zeitaufwand an, die mit der Prüfung und Preisgestaltung verbunden sind. Auch Barry McCarthy, CFO von Spotify, kritisierte bereits öffentlich, dass Banken für den Prozess schlicht zu viel Geld verlangen würden. Doch scheint es angesichts der generellen Euphorie im Markt nur sinnvoll, dass weitere IPOs folgen werden. Zumal sich der Aufwand durchaus lohnen kann: Auf die Frage, ob die Banken Adyens Börsengang falsch bewertet hätten, gab CEO Pieter van der Does zu, dass der Kurssprung größer ausfiel als erwartet. Dennoch wurde er wenig später aus einer Mail zitiert, in der von einem „Traum“-IPO sprach, der das Unternehmen mit den nötigen Mitteln ausstattete, um flexibel weiter zu wachsen.

Einige Fintech-Sparten dürften es aber zweifelsohne einfacher haben als andere. Die Payment-Anbieter profitieren vom Wachstum des elektronischen Geschäftsverkehrs und einem stetigen Cashflow aus der Gebührenerhebung. Laut van der Does ist der adressierbare Markt „riesig und nahezu unbegrenzt“. So war PayPal im Mai offenbar auch bereit, 2,2 Milliarden Dollar für iZettle zu bezahlen, obwohl ein geplanter Börsengang den Schweden „nur“ zu einer Bewertung von 1,1 Milliarden Dollar verholfen hätte.


Hingegen sind die Aussichten für Kreditplattformen, wie das in London ansässige Funding Circle, ein Stück weit unklarer. So büßten die Aktien von Lending Club und OnDeck kurz nach dem Börsengang einen Großteil ihres Wertes ein. Im Gegensatz zur US-Lending-Szene – die mit dem Kapital der Wall Street und wenig Regulierung schnell wuchs – profitierten britische Akteure bislang davon, dass sie die Financial Conduct Authority frühzeitig um Regulierung baten. Endgültig Klarheit wird erst der Börsengang des britischen Einhorns bringen.

Marktkonsolidierung schreitet voran

Wie passt die IPO-Welle mit früheren Analysen zusammen, wonach der Fintech-Hype bereits abkühlt? Nur allzu gut, liefern die geplanten Börsengänge doch weitere Belege dafür, dass sich der neue Finanzmarkt zunehmend konsolidiert. So wurden seit Anfang dieses Jahres nach Angaben von PitchBook (Stand: 13. Juli) 196 Transaktionen über insgesamt 1,14 Milliarden Euro abgeschlossen. Das entspricht zwar weniger als einem Drittel der Transaktionen im Vorjahr, allerdings sammeln mittlerweile weniger Firmen größere Summen ein. Und so gilt für Fintechs, was auch auf die Blockchain-Szene (wir berichteten) und die Adtech-Ökonomie zutrifft: „Wir sehen im gesamten Tech-Segment den Trend zur Konsolidierung“, resümiert VC-Experte Sven Schmidt im OMR-Podcast mit Philipp Westermeyer. „Man sucht sich ein Marktsegment, an das man glaubt, und allokiert Hunderte Millionen auf eine Firma. Die hat dann so viel Kapital, dass sich kein VC mehr traut, die Nummer zwei, drei oder vier im Markt zu finanzieren. Diese Firma ist dann wiederum in der Lage, den Markt wegzukonsolidieren.“

Das Ergebnis sind Spartengewinner, auf die sich ein Großteil des Kapitals versammelt. TransferWise sammelte bislang insgesamt 396,4 Millionen Dollar ein. Das erwähnte Revolut schon 336,4 Millionen Dollar. Damit hat sich die Bewertung binnen eines Jahres Unternehmensangaben zufolge auf 1,7 Milliarden Dollar verfünffacht. Ein Trend, der sich mit absolvierten Börsengängen nur noch verschärfen dürfte. Wenn Funding Circle die Kapitalerhöhung von geschätzten 335 Millionen Euro gelingt, wären die Kriegskassen für mögliche Übernahmen gut gefüllt. Nicht unbedingt die besten Aussichten für neue Startups, die sich im hartumkämpften New-Finance-Sektor etablieren wollen.

Umso passender, dass sich ein deutsches Ur-Fintech anschickt, einen Börsengang zumindest in Erwägung zu ziehen. “Das ist eine Sache, die wir uns im Moment sehr genau anschauen”, erklärte auxmoney-CEO Raffael Johnen auf einer Tagung in Frankfurt. Die Kreditplattform wäge die Vor- und Nachteile eines solchen Schritts ab. “Wir haben noch keine Entscheidung getroffen, ob beziehungsweise wann ein Börsengang von Auxmoney stattfindet”, so Johnen. Im vierten Quartal 2017 hatten die Düsseldorfer unter dem Strich die Gewinnzone erreicht.

Das Fenster für Fintech-IPOs in Europa, es scheint derzeit weit offen zu stehen – und jede neue Börsengang dürfte mehr Momentum in den Markt tragen. Vor allem aber stellt die IPO-Welle eindrucksvoll unter Beweis: Die neue Finanzbranche, sie wird erwachsen.